Jerusalem

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Mittwoch, 19. Februar 2014

„Vom Küken, das wissen wollte, wer seine Mama ist“ von Brigitte Endres und Julia Dürr

Wer die alte archetypische Heldenreise auf der Suche nach dem ureigenen Sinn und Ziel des eigenen Lebens für sich selbst willentlich annimmt, braucht dafür eine wagemutige Mischung aus naiver Selbstüberschätzung, Unbekümmertheit und Todesmut wie sie am anschaulichsten in der Figur des heiligen Narren deutlich wird, die von der Gestalt des Parzival bis hin zu Pinocchio am Beginn jeder individuellen Heldenreise stehen muss: nur aus dem Blickwinkel der Unwissenheit, der Unkenntnis der zahlreichen konkreten möglichen Gefahren auf dem beschwerlichen Weg kann die sogenannte „große Tat“ überhaupt in Angriff genommen werden.


Es hat selten ein Bilderbuch gegeben, das dieses uralte Motiv auf so selbstverständliche und gleichzeitig so unaufdringlich-dezente und annehmbare Art und Weise für Kinder im Bilderbuchalter ab vier Jahren intuitiv erfahrbar macht wie das soeben erschienene, im konzentriert-zeitlosen Stil eines auf eine wesentlich-überschaubare Bildsprache reduzierten Comics gehaltene, entwaffnend poetische Buch „Vom Küken, das wissen wollte, wer seine Mama ist“ der jungen, für ihr bisheriges Werk bereits vielfach ausgezeichneten Illustratorin Julia Dürr (geboren 1981) nach einer Textvorlage der Jugendbuch- und Hörfunkautorin Brigitte Endres, die die Erfahrungswelt ihres Publikums aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit als Grundschullehrerin nicht nur genauestens kennt, sondern dafür auch eine kongeniale Sprache findet.

An einem hellen Sommermorgen rollte etwas über
die Wiese. Rollte und rollte und blieb
unter einem Fliederbusch liegen. Es war nicht
sehr groß und weiß und glatt.

Als das kleine gelbe Küken sich aus dem Ei schält und neugierig, gut gelaunt und unbefangen ins Leben tritt, fehlt zum ganz großen Glück nur eins: die eigene Mama. Wie aber und woran soll das unglücklich dem heimatlichen Nest entrollte Neugeborene seine Mutter erkennen, die es noch nie leibhaftig gesehen hat? Es macht sich also auf den Weg durch die sommerlich frisch-erblühte Natur und fragt jedes einzelne Lebewesen, dem es begegnet, ob es vielleicht seine Mutter sei. Indem es eine natürliche Kultur des naiven, unbefangenen, systematischen Fragens etabliert, erfährt es viel über das Leben an sich, über den Lauf der Natur und über das Brutverhalten anderer Tiere, wobei die Natur – und darin besteht der besondere Reiz dieses Buches – von den beiden Autorinnen in viel umfangreicheren Maße als belebt begriffen und dargestellt wird als es der allgemeine Konsens sonst zulässt.

Im auf geradezu menschliche Art und Weise solidarisch scheinenden, vielfältig und organisch miteinander verbundenen natürlichen Lebensraum dieser poetischen Bilderbuchwelt können nicht nur Tiere, Insekten und Amphibien miteinander kommunizieren, sondern auch Gräser, Blumen und Bäume:

Wir sind nicht vom selben Holz, mein
Nachwuchs schlummert in den Kirschen. Wenn sie auf die Erde
fallen, wachsen junge Bäumchen aus den Kernen. - Und du bist ja
wohl kaum aus einem Kern gekrochen.“
Ich bin aus einem Ei geschlüpft“, piepste das Küken.

Und dank seiner unwiderstehlich-liebreizenden Wirkung als schwaches, unschuldiges, tapsig-unbeholfenes Jungtier, das deutlich erkennbar für kein anderes Lebewesen, ob Tier, Insekt oder Pflanze, weder aus bösem Vorsatz noch unabsichtlich eine mögliche Gefahr darzustellen vermag, entkommt es sogar der verschlagenen Katze, die als einziger Gesprächspartner des kleinen Kükens ein gefährliches Interesse für den potentiellen Leckerbissen entwickelt: von dessen unfehlbarem naiven Charme entwaffnet, lässt sie es trotz einer vom Leser deutlich erkennbaren Drohung vollkommen unangetastet und letztlich mit einem hilflos-verdrossenen Schulterzucken seiner ungewissen Wege ziehen.

Am Ende zeigt sich jedoch, dass es im Abenteuer des Lebens noch andere zielführende Kriterien geben kann als das Sichtbar-Offensichtliche:

Doch plötzlich... Plötzlich hörte es etwas. Etwas,
das ihm bekannt vorkam. Etwas, das sein Herzchen
schneller klopfen ließ.

Es ist eine wirklich bravouröse Leistung, im streng begrenzten erzählerischen und bildnerischen Rahmen eines gewöhnlichen Bilderbuchs eine unter der offensichtlichen Oberfläche inhaltlich so reichhaltige Geschichte zu erzählen, in der gleichzeitig auch so viel intuitives, poetisch verdichtetes Wissen über das Große-Ganze des menschlichen Lebens und der Natur mitschwingt, ohne das Resultat ins tückische Fahrwasser des Simplen, Banalen oder Esoterischen abgleiten zu lassen. Die jedem Kind durch eigene Anschauung bereits annähernd vertraute lebendige Umwelt, die die beiden Autorinnen in ihrem entzückenden kleinen Buch in kongenialer Zusammenarbeit miteinander gestalten, erscheint so als ein natürlicher, allumfassender Organismus, in dem jedes Lebewesen seinen festen, von allen wertgeschätzten Platz besitzt und in dem sich jeder auch für das Glück des anderen mitverantwortlich fühlt. Das ist möglicherweise eine Utopie – aber ohne Zweifel eine schöne, ausgesprochen wünschenswerte.



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