Jerusalem

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Freitag, 28. November 2014

„Hier bin ich, mein Vater“ von Friedrich Torberg

In diesem erstmals 1948 erschienenen und noch während des Zweiten Weltkriegs im amerikanischen Exil begonnenen, heute jedoch leider weithin vergessenen enigmatischen Roman, den nicht wenige aus gutem Grund für seinen besten halten, wagt der außerhalb von Österreich (wo sein Roman „Der Schüler Gerber“ zum offiziellen Kanon der Schullektüre zählt) nicht mal mehr als Kishon-Übersetzer im Gedächtnis gebliebenen brillanten Wiener Schriftstellers Friedrich Torberg den aberwitzigen und auf bravouröse Art gelungenen Versuch, ein „unlösbares Problem als solches darzustellen“, wie er es selbst als schlagfertige Entgegnung auf das seinerzeit weitverbreitete Unverständnis formulierte, das seinem unbequemen Buch bei seiner Erstveröffentlichung größtenteils entgegenschlug.



Ein Buch über die vielfältigen Gewissensqualen eines jüdischen Gestapospitzels im nationalsozialistischen Wien musste in einer Zeit, in der die meisten Menschen in Österreich wie auch in Deutschland mit umtriebigem Eifer vor allem mit der gleichermaßen unlösbar scheinenden Aufgabe beschäftigt waren, ihr unter beträchtlicher Mithilfe der Alliierten gerade erst überwundenes selbstverursachtes tausendjähriges Trauma gleichsam aktiv zu vergessen, vermutlich zwangsläufig allerseits auf Desinteresse und Verständnislosigkeit stoßen.

Immer und seit je ist es mir doch nur darum gegangen, von den andern, die keine Juden waren, so behandelt zu werden, als ob auch ich keiner wäre, so behandelt zu werden wie ein normaler Mensch. Nämlich: wie nach ihren Begriffen normaler Mensch. Das war der kleine Denkfehler, der mir dabei unterlief: daß ich mich immer nach ihren Begriffen gerichtet habe. Es ist mir nie der Gedanke gekommen, daß mit diesen ihren Begriffen etwas nicht stimmen könnte. Ich habe mein Judentum immer als Defekt akzeptiert, und die es mich fühlen ließen, immer als Ankläger. Ich habe nie zu vermuten gewagt, daß da vielleicht die Ankläger selbst an einem Defekt litten.

Torbergs unglückseliger Protagonist Otto Maier, ein im Zuge der nationalsozialistischen Judengesetze zunehmend beschäftigungsloser jüdischer Jazzpianist aus dem nachtaktiven Milieu der Wiener Boheme, wird anlässlich der Ereignisse des 9. und 10. November 1938, der sogenannten Reichspogromnacht, gemeinsam mit seinem Vater verhaftet und stundenlang mit hunderten anderer Juden unter unzumutbaren Zuständen von den Behörden festgehalten. Im Verlauf der amtlichen Erfassung der verhafteten Juden werden die beiden schließlich voneinander getrennt; während Ottos Vater, ein hochdekorierter ehemaliger Militärarzt, nach Dachau deportiert wird, darf er selbst nach dem zufälligen Eingreifen seines mittlerweile in der Gestapo zu hohem Einfluss gekommenen ehemaligen Klassenkameraden Franz Macholdt unbehelligt nach Hause gehen.

Ich hatte bis zu diesem Augenblick an meinen Vater gar nicht gedacht, genau so wenig, wie ich es zunächst am 12. März getan hatte. Jetzt dachte ich an ihn, und genau so selbstverständlich wie damals: ich dachte an ihn als den „einzigen Menschen“. Und eine leise Zärtlichkeit mischte sich in meine Gedanken, eine traurige, bedauernde Zärtlichkeit [...].

Macholdt lässt Otto allerdings bereits wenige Tage später unter beklemmend inszenierten Umständen in sein Büro rufen, um ihm nach einer zynischen Vergegenwärtigung seiner vollkommenen Abhängigkeit einen Pakt faustischen Ausmaßes anzubieten: im Tausch gegen regelmäßige Spitzeldienste im Rotlichtmenü und gezielte Denunziationen stellt er ihm, allerdings nur auf ausgesprochen vage Art und Weise, eine perspektivische Entlassung seines gesundheitlich angeschlagenem Vater aus dem Konzentrationslager in Aussicht. Da Otto allen Grund hat, ernsthaft um dessen Leben zu fürchten, willigt er nach kurzer Bedenkzeit in den schmutzigen Handel ein, da er glaubt, Macholdt mit einigen unklaren Hinweisen dauerhaft beschwichtigen zu können und so vordergründig alle Fäden zur Erreichung seines eigenen einzigen Ziels in der Hand zu behalten.

Damals, ganz am Anfang, phantasierte ich mich nämlich noch in die Rolle eines geheimen Rächers der Verfolgten hinein und erging mich überhaupt in allerlei kindischen Vorstellungen. Eine davon verstieg sich so weit, daß ich, wenn mir in den nächsten Tagen ein großer Coup gelänge, meinen Vater vielleicht noch rechtzeitig herausbekommen könnte, um mit ihm zusammen dem Orchester nach Ungarn nachzureisen.

Als sich sein ehemaliger Mitschüler schon bald nicht mehr mit Ottos nebulösen Tipps abspeisen lässt, beginnt dieser „notgedrungen“, wie er seine Spitzeleien vor sich selbst rechtzufertigen versucht, und unter beträchtlichen Gewissensqualen zunächst weitläufig Bekannte, später sogar langjährige Freunde und Musikerkollegen bei den nationalsozialistischen Behörden zu denunzieren. Auf diese Weise verliert er langsam und unausweichlich jeglichen Halt in seiner Clique wie auch in sich selbst. Als er durch Zufall erfährt, dass sein kränklicher Vater bereits kurze Zeit nach seiner Deportation verstorben ist, fasst er einen nahezu undurchführbar scheinenden Racheplan als schwindelerregenden moralischen Drahtseilakt zwischen Mut und Leichtsinn, der ihn noch weiter an die äußerste Grenze der Selbstverleugnung bringt – und weit darüber hinaus.

Friedrich Torberg. Foto
© Ch. Brandstätter Verlag

Mit seinem atemlos zu lesenden, nachhaltig verstörenden Roman, dessen Titel eine deutlich erkennbare, in höchstem Maße assoziationsreiche Anspielung auf das biblische Sohnesopfer beinhaltet, findet Friedrich Torberg angesichts der deprimierenden Schlusspointe nur geringen Trost für den verstört zurückbleibenden Leser, den dieser scheinbar allzu leicht, wie sich schließlich herausstellt, überlesen hat und deshalb am Ende systematisch zurückblättern muss, in der unbewussten fieberhaften Hoffnung, die entstandene Leere wieder mit Sinn füllen zu können. Den verzehrenden Grundkonflikt seines unglücklichen Protagonisten als bittere Agentenfarce inszeniert der Autor ähnlich ausweglos wie seine geistigen Verwandten Graham Greene und John Le Carré, mit denen er der entschiedenen Meinung ist, dass jeder, der sich auf dieses unmoralische Geschäft einlässt, am Ende nur verlieren kann. „Hier bin ich, mein Vater“ ist mit seiner angesichts seines frühen Entstehungszeitpunkts außergewöhnlich hellsichtigen, scharfsinnigen und radikalen politischen Analyse möglicherweise eine noch bedeutendere Wiederentdeckung aus dem nahezu vergessenen Werk Friedrich Torbergs als dessen allerdings zugänglichere Novelle „Mein ist die Rache“.

„Hier bin ich, mein Vater“, mit einem Nachwort von David Axmann, erschienen bei Milena, 301, Seiten, € 24,90

Dienstag, 25. November 2014

In eigener Sache

Liebe Leser und Freunde des Psychosemitischen Buchblogs,

aus beruflichen Gründen – der Liquidierung der Unternehmung, für die ich in den vergangenen elf Jahren hauptberuflich tätig gewesen bin bis Ende Februar sowie kurzfristig notwendig gewordener Projekte der Literaturvermittlung und des Lektorats – kann ich leider bis auf Weiteres keine Rezensionen in der gewohnt ausführlichen Form an diesem Ort bereitstellen.

In kürzerer Form als ich es mir eigentlich wünsche möchte ich an dieser Stelle jedoch wenigstens auf jene Bücher hinweisen, die ich in letzter Zeit sehr gerne gelesen habe und für ausführliche Besprechungen sowie als explizite Leseempfehlungen fest vorgesehen hatte.

Für das große Interesse und die freundliche Unterstützung bedanke ich mich sehr herzlich!

Florian Hunger





„Wolfshunger“ von Philip Kerr


Mit jedem neuen Roman aus Philip Kerrs international zu Recht gefeierter Krimiserie Berlin Noir um den moralisch unbestechlichen und regimekritischen deutschen Ermittler Bernhard Gunther wird umso deutlicher, wie virtuos und ehrgeizig der schottische Spannungsautor sein höchst anerkennenswertes Ziel weiterverfolgt, ein differenziertes literarisches Gesamtbild von Deutschland während der Nazi-Herrschaft zu erschaffen, das nicht nur der historischen Realität, wie wir sie aus zahlreichen Zeitzeugenberichten und geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitungen vermittelt bekommen haben, auf vorbildliche Weise zu entsprechen scheint, sondern das dem Leser von heute auch in der Person seines unnachahmlichen Protagonisten, des psychisch gebrochenen und durch die von ihm unfreiwillig bezeugten Verbrechen traumatisierten ehemaligen Kriminalkommissars im Rang eines Hauptmanns, eine wirklichkeitsnahe kritisch-objektive Beurteilung des Lebens unter nationalsozialistischer Diktatur sowie der kollektiven Verbrechen Nazi-Deutschlands aus individueller Sicht, gleichsam von innen heraus zu vermitteln vermag, die im Hinblick auf ein natürliches Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden des Lesers in hohem Maße moralisch prägend werden kann.



Bernie Gunthers mittlerweile neunter, nicht in chronologischer Reihenfolge veröffentlichter Fall Mit dem Titel „Wolfshunger“ führt ihn im beginnenden Frühling des bitteren Kriegsjahrs 1943 in den Wald von Katyn bei Smolensk (heute Ukraine), wo der NKWD nach der sowjetischen Annexion Ostpolens infolge des Hitler-Stalin-Pakts drei Jahre zuvor ein Massaker an mehreren tausend im Verlauf der Kriegshandlungen gefangen genommenen polnischen Offizieren verübt hatte, das nun von der Wehrmachtsuntersuchungsstelle für Kriegsverbrechen aufgearbeitet und von Joseph Goebbels und seinem Propagandaministerium durch bewusste Instrumentalisierung einer internationalen Expertenkommission als Kriegsverbrechen der Alliierten propagandistisch ausgeschlachtet werden soll. Vor Ort begegnet Bernie erneut einer schwer zu ertragenden Mischung aus roher, staatlich sanktionierter Gewalt, ignoranten militärischen Gehorsams und einem weit verzweigten Netzwerk von brutaler, amoralischer Machtausübung und Korruption. Nach dem unbegreiflichen blutigen Mord an zwei zunächst vollkommen harmlos scheinenden Wehrmachtsfunkern sowie einem russischen Arzt und seiner Tochter, mit denen Gunther allesamt in persönlichem Kontakt stand, nimmt er in gewohnt leichtsinniger Art auf eigene Faust inoffizielle Ermittlungen auf, die ihn schon bald in höchste Lebensgefahr bringen und nur wenig später sogar zu einem kaltblütigen Mord an einem unschuldigen Kameraden zwingen. Er verliert erneut auf denkbar unglückliche Art und Weise die Liebe einer schönen Frau und räsonniert aus heutiger Sicht ungewohnt scharfsinnig und erfrischend über die merkwürdig zauderhafte, im kollektiven Gedenken der Bundesrepublik unverhältnismäßig überhöhte Verschwörung adliger deutscher Offiziere gegen Hitler, die ein Jahr später im vorhersehbaren Fiasko des 20. Juli münden sollte.

Eins muss ich Ihnen lassen. Sie Genie haben dreimal in ebenso vielen Wochen versucht, Hitler umzubringen, und jedes Mal ging es schief. Man sollte doch meinen, dass eine Gruppe ranghoher Offiziere weiß, wie man einen Mann tötet. Sie sollten darin gut sein, oder nicht? Während des Großen Krieges hatte jedenfalls keiner von Ihnen Probleme, Milionen Menschen abzuschlachten. Aber es scheint Ihnen allen unmöglich, Hitler umzubringen. Als nächstes erzählen Sie mir vielleicht noch, Sie wollen silberne Kugeln benutzen, um den Scheißkerl aus der Welt zu schaffen.

Auch im neunten Band seiner originellen Buchreihe um Bernie Gunther ist Philip Kerr erneut eine auch intellektuell fesselnde Mischung aus kriminalistischer Spannungsliteratur, zuverlässiger historischer Recherche und glänzender politischer Analyse auf allerhöchstem Niveau gelungen. Anders als die meisten anderen Thriller und Kriminalromane unserer Zeit, die man nach der Lektüre ohne zu zögern leihweise weitergibt, verschenkt oder irgendwo liegen lässt, stellt man die Berlin-Noir-Romane in die erste Reihe im Bücherregal zu den anderen Bänden.

„Wolfshunger“, aus dem Englischen von Juliane Pahnke, erschienen bei Wunderlich, 543 Seiten, € 22,95



„Aufstieg und Fall des Wollspinners William Bellman“ 

von Diane Setterfield


Nachdem der zehnjährige William Bellman unter dem Beifall seiner gleichaltrigen Freunde mit einem perfekten, unglaublich scheinenden Schuss aus seiner selbstgebauten Zwille an einem denkwürdigen Spätsommertag eine in weiter Entfernung auf einem Ast sitzende Krähe getötet hat, bekommt er noch am selben Abend einen heftigen Fieberanfall, der ihn für die Dauer einer Woche besinnungslos ans Bett fesselt. Auf dem Nachhauseweg hatte er noch unter dem Baum seines fragwürdigen Triumphs plötzlich einen schwarz gekleideten Jungen stehen sehen, der ihm unverwandt hinterherblickte, bis er im Haus verschwunden war. 



Als William das Fieber glücklich überstanden hat, beginnt seine denkwürdige Karriere als völlig unbeschwert scheinendes sprichwörtliches Glückskind, dem im viktorianischen England offensichtlich alles im Leben gelingt: nicht nur fliegen ihm mühelos sämtliche Herzen seiner Mitmenschen zu, insbesondere der Frauen, auch im Beruf gelingt ihm Dank seines Fleißes und seines Einfühlungsvermögens nahezu alles. Nur wenige Jahre nachdem er als Lehrling in die Weberei seines Onkels eingetreten ist, hat er sich dort schon so unersetzlich gemacht, dass es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis er die Leitung des im Zuge der Industrialisierung aufstrebenden Betriebs übernehmen wird. Doch da beginnen in seinem persönlichen Umfeld die plötzlichen Todesfälle: seine geliebte Mutter, sein Onkel, sein Cousin. Und während der Beerdigungen fällt William immer wieder ein schwarz gekleideter Fremder auf, der ihn mit stechendem Blick aus der Ferne fixiert und ihn in zunehmendem Maße beunruhigt, doch ihm immer dann ausweicht, wenn er Mut gefasst hat, ihn zur Rede zu stellen. Allein in der Arbeit findet der aufstrebende Jungunternehmer Trost und Zuflucht, die Weberei floriert und kann sich Dank seiner fabelhaften Voraussicht gut am Markt positionieren. Er heiratet die Frau seines Herzens und sie bekommen mit den Jahren vier Kinder.

Doch auf dem Höhepunkt seines privaten und beruflichen Erfolges, bricht eine Typhusepidemie aus, der nacheinander seine jüngste Tochter, seine beiden Söhne und seine Frau zum Opfer fallen. Als auch die älteste Tochter erkrankt, betrinkt sich William bis zur Besinnungslosigkeit in der Dorfkneipe. Auf seinem nächtlichen Heimweg beobachtet er, wie der mysteriöse Mann in Schwarz den Friedhof betritt und folgt ihm. Über einer Reihe von bereits ausgehobenen Gräbern kommt es zu einem denkwürdigen Handschlag zwischen den beiden, der alles ändert. Am nächsten Morgen zeigt Williams Tochter überraschend Anzeichen der Besserung und der Unternehmer stürzt sich mit voller Energie in ein makabres Großprojekt, dem größten Kaufhaus für Trauerwaren, das es in London jemals gegeben hat.

"Was für ein Leben ich hatte!", sagte er staunend zu Black. "Ich könnte ein halbes Leben damit zubringen, einfach nur daran zu denken!"
"Erinner dich!"
Er erinnerte sich, Szene für Szene, jeden Augenblick, Glück und Kummer, Freude, Liebe und Trauer quollen aus dem Winkel hervor, in dem er sie eingemauert hatte, ein Strom aus Tagen, Stunden und Sekunden, der nicht enden wollte.
Mir ist kalt, merkte er und dachte augenblicklich daran, wie er vor vielen Jahren, in Decken gehüllt, am Kaminfeuer eines kleinen Cottage gezittert und das Gewicht seiner Tochter auf dem Schoß gespürt hatte.

Diane Setterfields ebenso virtuoser wie kenntnisreicher historischer Roman variiert das Thema der moralischen Einsicht und Umkehr, das wir aus Charles Dickens' berühmter Weihnachtsgeschichte kennen, auf höchst originelle und lebensbejahende Art und Weise. Dabei gelingt es ihr absolut meisterhaft, das verdrängte Kindheitstrauma ihres unglückseligen Protagonisten so in die Handlung und die geglückte Konstruktion ihres atemlos zu lesenden Buches einzubetten, dass in der Raben- und Vergänglichkeitssymbolik zwar deutliche Anklänge ans Phantastische bestehen bleiben, aber ohne dass diese nicht auch nüchtern und rational im Sinne einer psychologischen Umschichtung innerer Erlebnisse deutbar bleiben. „Aufstieg und Fall des Wollspinners William Bellman“ ist damit eine überaus dankbare, wenn nicht die ideale Lektüre für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr.

„Aufstiegund Fall des Wollspinners William Bellman“, aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer, erschienen bei Blessing, 400 Seiten, €19,99

Freitag, 10. Oktober 2014

Patrick Modiano und der Literaturnobelpreis 2014


Als 1968, im Jahr der französischen Studentenunruhen, der ebenso wilde wie aufregende Debütroman eines gerade dreiundzwanzigjährigen talentierten Nachwuchsschriftstellers erschien, der weder gedanklich noch in realiter der Studentenbewegung angehörte, war dieser seiner Zeit und seiner potenziellen Leserschaft in vielerlei Hinsicht weit voraus. Nicht nur hatte sein Verleger die Veröffentlichung des zu einem großen Teil während der deutschen Okkupation in Paris spielenden Buches mit dem in der Vorrede anhand einer jüdischen Anekdote erläuterten doppeldeutigen Titel „Place de l’Étoile“ aufgrund des israelischen Sechstagekriegs ein ganzes Jahr zurückgehalten, weil er befürchtete, das darin transportierte einseitig-ablehnende Israelbild könne angesichts der damaligen politischen Lage nicht nur falsch aufgenommen werden, sondern die öffentliche Meinung in Frankreich möglicherweise sogar vollkommen eskalieren und in eine falsche Richtung abgleiten lassen – was an sich schon ein erstaunlich aussagekräftiges Indiz dafür ist, welche außergewöhnliche literarische Qualität und politische Relevanz von vornherein in dem unveröffentlichten Manuskript erkannt wurde.






Patrick Modiano, späterer Gewinner des Prix Goncourt und Träger des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur, der sich selbst als Kind der Besatzungszeit betrachtet: gezeugt im Krieg, geboren im Frieden (1945) – hatte in seinem provozierenden, als Autobiografie eines jungen französischen Juden gestalteten Text weitestgehend unkommentiert, aber gleichzeitig auf höchst sachkundige Art und Weise derart viele antisemitische Klischees und Hasstiraden aus Werken bekannter französischer Schriftsteller, Journalisten und Politiker der Vorkriegszeit sowie aus Kreisen prominenter Kollaborateure des Vichy-Regimes zusammengetragen und reflektiert, dass man ohne weiteres davon sprechen kann, dass er die großen Anstrengungen französischer Historiker und Künstler der 1970er und 80er Jahren hinsichtlicher einer umfassenden kollektiven Aufarbeitung der Zeit der französischen Kollaboration mit seinem Buch bereits vorweggenommen hat – denn nennenswerte Literatur zu diesem Thema hatte es bis dahin nicht gegeben.



In dieser Hinsicht ist eine Anekdote aus einem späteren Roman Modianos interessant, in der er indirekt seinen jüdischen Vater als Auslöser von „Place de l’Étoile“ benennt, wie die versierte Übersetzerin Elisabeth Edl im erhellenden Nachwort der deutschen Ausgabe erläutert:


Ich hatte ein paar Jahre zuvor in seiner Bibliothek einige Werke antisemitischer Autoren entdeckt, die in den vierziger Jahren erschienen waren und die er damals gekauft hatte, wahrscheinlich, weil er zu verstehen suchte, was diese Leute ihm vorwarfen. Und ich kann mir vorstellen, wie sehr ihn die Beschreibung dieses imaginären, phantasmatischen Ungeheuers überrascht haben muss, dessen bedrohlicher Schatten über die Wände huschte, mit seiner krummen Nase und seinen Raubvogelhänden, diese von allen Lastern verderbte Kreatur, die verantwortlich ist für alle Übel und schuldig aller Verbrechen. In meinem ersten Buch wollte ich all diesen Leuten antworten, deren Beleidigungen mich meines Vaters wegen verletzt hatten. Und ihnen, auf dem Gebiet der französischen Prosa, ein für alle Mal den Mund stopfen.


So lässt er seinen Protagonisten Raphaël Schlemilovitch parallel mehrere Lebensentwürfe eines französischen Juden der 1930er und 40er Jahre durchleben, die von den gängigen antijüdischen Klischees seiner Zeit geprägt sind – ob als Liebhaber von Eva Braun, Vermittler von Prostituierten für ein brasilianisches Freudenhaus oder als Gestapospitzel. „Place de l’Étoile“ ist erst vierzig Jahre nach seiner ursprünglichen Erstveröffentlichung in deutscher Übersetzung erschienen und kann mit seinem ausgeprägten jugendlichen Furor und seiner unbändigen Lust an der karikierenden Bloßstellung seines desolaten Personals kaum einen Leser unbeteiligt lassen.


Nun, mehr als zwei Dutzend hochkarätiger Buchveröffentlichungen später, ist Patrick Modiano – überraschend für viele Beobachter des internationalen Buchmarktes – verdientermaßen der Literaturnobelpreis für sein höchst prägnantes und eigenes Gesamtwerk zuerkannt worden. Und es scheint absolut kein Zufall zu sein, dass gerade Frankreich im Laufe von gut hundert Jahren überproportional viele Literaturnobelpreisträger hervorgebracht hat, nämlich fünfzehn, womit die Grande nation in der inoffiziellen Länderrangliste einsam und geradezu uneinholbar an der Spitze liegt: im Land der Éducation sentimentale besitzt die Literatur nicht nur ein viel höheres Grundansehen als in Deutschland, wo der gesellschaftliche Diskurs meist von einem unausgesprochenen, vollkommen absurden und irrationalen Zwang zum politisch korrekten Konsens ausgebremst wird, sondern erfüllt auch vollkommen andere Erwartungen ans Lesen: denn im Rahmen der Lektüre wesentlicher, bedeutender Literatur kann der Leser die individuelle Vervollkommnung seiner seelischen Erfahrungswelten vollziehen, was ihn idealerweise zu einem empfindsameren, toleranteren und reflektierteren Menschen macht.

Patrick Modiano/Foto: Catherine Hélie

Wirklich existenzielle Literatur aber besitzt immer auch die unbequeme, unserer geistigen Entwicklung jedoch höchst zuträgliche Fähigkeit, uns innerlich aufzurütteln und uns das Leben aus neuen, ungewohnten Perspektiven zu erschließen, die wir niemals zuvor einzunehmen gewagt haben. Da dieser unschätzbare Aufwand vom Leser aber erst einmal aufgebracht werden muss und dies nur aus freien Stücken geschehen kann, ist bedeutende Literatur in unserer Gesellschaftsform nicht bestsellertauglich und muss deshalb immer ein Randphänomen bleiben. Der Literaturnobelpreis für Patrick Modiano ist somit eine schöne und dringend notwendige Anerkennung für das jahrzehntelang-unbeirrte und in höchstem Maße charakteristische literarische Schaffen einer originären Schriftstellerpersönlichkeit, die sich niemals von anderen Meinungen, Moden oder Paradigmen hat beeinflussen lassen, sondern sich auf ganz und gar individuelle und trotzdem exemplarische Art und Weise stets an elementarsten Fragen der menschlichen Existenz abgearbeitet hat.


Dabei ist Patrick Modiano immer auf besondere Art und Weise auch für den Außenstehenden explizit gut lesbar und zugänglich geblieben, so auch in seinem vorletzten in deutscher Übersetzung erschienenen Jugend- und Liebesroman „Im Café der verlorenen Jugend“: Dass die romantische Liebe zumindest im Anfangsstadium immer zu einem vielleicht noch größeren Anteil aus schwärmerisch-optimistischer Projektion auf den ersehnten Partner besteht als man sich später möglicherweise eingestehen möchte, ist eine Binsenweisheit, die kaum trivialer sein könnte, je nüchterner man sie betrachtet. Was aber wäre die erfüllendste, zeitvergessenste Liebe noch wert, wenn man sie später lediglich kühl und rational abheftete und bestenfalls als immerhin nützliche Erfahrung verbuchte, die Emotionen also kühn von den Fakten trennte und sich in die nächste Verdrängung flüchtete?


Schon seinem autobiografischen Roman „Familienstammbaum“ (2005) hatte er als übergeordnetes Motto seines gesamten literarischen Schaffens ein Zitat des Dichters der französischen Résistance, René Char (1907-1988), vorangestellt:


Leben heißt, beharrlich einer Erinnerung nachzuspüren.


Dies gilt freilich auch für jede unglückliche Liebe, die sich – wie der Autor weiß – immer wieder wehmütig Bahn in die Erinnerung jedes noch so nüchternen Zeitgenossen zu brechen vermag. Die geheimnisvoll-unergründliche hübsche Protagonistin seines meisterhaften kleinen Romans „Café der verlorenen Jugend“ (2007), bildet dabei die ideale Projektionsfläche für die romantischen Gefühle dreier Männer, aus deren unterschiedlichen persönlichen Blickwinkeln Modiano seine Geschichte virtuos vor uns ausbreitet, bevor er nach einem erneuten Perspektivwechsel die junge herzerfrischend unangepasste Frau schließlich selbst zu Wort kommen lässt.


Im titelgebenden Café Le Condé im Saint-Germain-des-Prés der 1960er Jahre versammelt sich Tag für Tag ein buntes Völkchen aus Künstlern und Studenten, „von denen die meisten in unserem Alter waren, ich würde sagen, so zwischen neunzehn und fünfundzwanzig. [...] Ich suche im Wörterbuch nach „Bohemien“: Person, die ein unstetes Leben führt, ohne Regeln, ohne Sorge ums Morgen. Das ist eine Definition, die auf die Besucherinnen und Besucher des Condé genau passte.“ Durch die sich gegenseitig ergänzenden Beschreibungen dieser allnächtlichen Gesellschaft sowie der geheimnisvollen jungen Frau, die eines Tages einfach den Namen „Louki“ verpasst bekommt („Im ersten Augenblick wirkte sie erschrocken, dann hat sie gelächelt“), gewinnt jene langsam an Kontur, ohne jedoch alle ihre Geheimnisse preiszugeben.



Immerhin erfahren wir nach und nach, dass sie ihren wohlhabenden älteren Ehemann nach nur einem Jahr Ehe verlassen und dass dieser einen Privatdetektiv auf ihre Spur gehetzt habe. Von Kindheit an unkonventionell – ihre Mutter Platzanweiserin im Moulin Rouge, ihr Vater unbekannt – verkehrt sie in einem esoterischen Zirkel, schnupft hin und wieder Koks und erlebt im Umkreis des faszinierenden Mikrokosmos des zwielichtigen Cafés Condé eine entgrenzte Liebe, die kaum leidenschaftlicher sein könnte.


Doch der sensible Menschenkenner Modiano weiß auch, dass in der Erinnerung meist gerade jene Liebesgeschichten die allergrößte Strahlkraft besitzen, die letztlich einen tragischen Ausgang nahmen, denn nach ihnen wird man sich immer sehnen. Von „Louki“ bleibt schließlich nichts als die wehmütige Erinnerung ihrer Liebhaber. Patrick Modianos ebenso stimmungsvoll-melancholischer wie sehnsüchtig-schöner Roman ist eine Gefühl und Verstand integrierende Bestandsaufnahme der eigenen unsicheren Erinnerung an jene jugendlich-weltumarmende Art der Wahrnehmung, die man erst dann angemessen zu feiern vermag, wenn sie einem bereits entglitten ist. In dieser elementaren Kunst der persönlichen Vergegenwärtigung eigener Vergangenheit ist der preisgekrönte Autor ein wahrer Meister, der dringend gelesen werden sollte. Seinen ursprünglich zur Veröffentlichung im nächsten Frühjahr vorgesehenen neuen Roman "Gräser der Nacht" zieht der Hanser Verlag aus aktuellem Anlass auf den 5. November vor.

Die Werke Patrick Modianos sind auf Deutsch bei Hanser und dtv erschienen.

@Hertzmann's Coffee: Ein literarisches Kaffekränzchen mit Vanessa F. Fogel




Der zweite Roman nach einem zu Recht gefeierten Debüt muss für jeden jungen Autoren eine große Bürde und Herausforderung sein. Als vor vier Jahren Vanessa F. Fogels erster Roman „Sag es mir“ erschien, die literarische Reise einer jungen Frau zu sich selbst, verblüfften die Literaturkritik vor allem der unverbrauchte, sensible und unverkennbar weibliche Ton sowie die ebenso zärtliche wie entschiedene Weltsicht der in Frankfurt am Main geborenen, in Israel aufgewachsenen und in Amerika ausgebildeten Debütantin. Ihr soeben erschienener zweiter Roman „Hertzmann's Coffee“ lässt sich weit weniger leicht in einem Satz zusammenfassen als sein Vorgänger. Ist es die Chronik einer jüdischen Kaffeeröster-Dynastie in New York? Die Feier einer lebenslangen zärtlichen Liebe? Ein unkonventionelles Lob liebevoller familiärer Bindungen? Ein Klagelied über den Verlust derselben? Ein Bericht über das Schweigen der Opfer der Schoah? Eine Schilderung der Auswirkungen der Verfolgung und des Schweigens auf die zweite und dritte Generation? 

FH: Vanessa, wir haben uns einige Zeit nach Erscheinen Deines ersten Buches kurz über Deine weiteren literarischen Pläne ausgetauscht und verständlicherweise wolltest Du zu diesem frühen Zeitpunkt nicht mehr darüber preisgeben, als dass Du tatsächlich an einem neuen Roman arbeitest. Gibt es rückblickend einen bestimmten Gedanken, eine Begegnung, eine Stimmungslage oder einen Satz, der Dich zu „Hertzmann's Coffee“ angeregt hat? Gibt es lebende oder historische Personen als Vorbilder? Und wie haben die einzelnen Protagonisten literarisch zueinander gefunden?

VFF: Als ich mit der Niederschrift des Romans begann, gab es eine mir sehr nahestehende Person in meinem Leben, die nicht mit mir reden wollte. Deshalb bewegte mich zu dieser Zeit fast ausschließlich die drängende Frage, wie man mit jemandem kommunizieren soll, der diesen Austausch nicht wünscht. Und diese Fragestellung kreuzte sich mit meinem ursprünglichen Vorhaben der literarischen Erforschung von Geschwisterbeziehungen, die ich mir für meinen zweiten Roman fest vorgenommen hatte. Und dann gab es ja noch diese Geschichte über eine verloren geglaubte Halbschwester, die mir immer schon vorgeschwebt hatte – das waren die unterschiedlichen Zutaten, die „Hertzmann's Coffee“ zum Leben erweckt haben. 

„Hertzmann's Coffee“ wird im stetigen Wechsel aus drei unterschiedlichen männlichen Perspektiven erzählt, die drei verschiedene Generationen repräsentieren. Die Handlung spielt in der aktuellen lebendigen Gegenwart der Großstädte New York, Caracas und Berlin, die ältesten im Verlaufe der Erzählung vermittelten Erinnerungen reichen jedoch bis in die von den Nationalsozialisten auf so grausame Art und Weise zerstörte Kindheit der Kriegsgeneration zurück. „Nur wer über sich und seine Zeit schreibt, schreibt über alle Menschen und alle Zeiten“, zitiert die Autorin den Dramatiker George Bernard Shaw am Beginn jedes neuen Abschnitts so beharrlich, dass selbst der flüchtigste Leser unweigerlich über diesen Ausspruch nachdenken muss, und bekräftigt damit einerseits eine treffend-prägnante Formulierung für den universellen Anspruch engagierter Literatur, andererseits verleiht sie ihrem berechtigten literarischen Selbstbewußtsein Ausdruck, indem sie ganz offen zugibt: „Ich kann das!“ - Dennoch – und das macht einen nicht unbeträchtlichen Reiz des Buches aus – meint man zuweilen hinter den überzeugend gestalteten Innenwelten der Protagonisten auch eine eben diese Charaktere denkende und fühlende Autorin zu erkennen.





Die drei Ich-Erzähler sind allesamt männlichen Geschlechts: ein fünfundachtzigjähriger gutmütiger Patriarch einer jüdischen New Yorker Kaffeeröster-Dynastie, dessen vermeintlich fest aufeinander eingeschworene Familie im Streit über die weitere Ausrichtung des Unternehmens auseinanderzubrechen droht. Ein einsamer venezolanischer Naturwissenschaftler, der am Krankenbett seiner geliebten, im Sterben liegenden Mutter unverhofft auf deren lebenslang sorgsam gehütetes Geheimnis stößt. Und ein eigenbrötlerischer Berliner Jugendlicher, der sich von seinen Eltern unverstanden fühlt und der, um sich zu beweisen, auf eigene Faust zum 500-Teile-Schnellpuzzle-Wettbewerb Razzle-The-Puzzle nach Lancaster, NY, reisen möchte.

FH: War es schwierig, sich in literarischer Form gleich drei unterschiedlichen männlichen Erzählperspektiven anzuverwandeln und gibt es unter diesen drei Protagonisten jemanden, dessen Sicht auf das Leben Dir persönlich besonders nahe ist? 

VFF: Es war nicht wirklich schwierig, aber ich brauchte viel Zeit und Geduld. Literarische Charaktere zu erschaffen ist wie ein langsamer organischer Kennenlernprozess: das dauert einfach, unabhängig von Geschlecht und Alter der Figuren. Es ist wie bei Menschen – bei manchen braucht es ein bisschen, bei anderen passiert es schneller! Die Stimme von Josè-Rafael kam geradezu wie von selbst, während die von Marc noch Feinabstimmung benötigte. Und Yankeles Sichtweise ist mir sogar seit vielen Jahren sehr vertraut. Aber nahe fühle ich mich ihnen allen ohne Ausnahme, da ich Gedanken und Meinungen mit ihnen austausche und teile.  

Fast alle Personen im Roman sind auf die eine oder andere Weise besessen von Kaffee: Während sämtliche Zweige der Familie Hertzmann nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht vom Kaffee leben, sondern diesen auch geradezu als persönliches Lebenselixier begreifen und ihn in allen erdenklichen Formen gern und häufig konsumieren, lehnt der venezolanische Geologe und Kaffee-Hasser José-Rafael die Förderung des heimischen Kaffeeanbaus durch das Regime Hugo Chávez' aus fester politischer Überzeugung ab: „Das Unglück unserer Nation.“ Seine Mutter, die während des Krieges in einer christlichen Familie aufgewachsene, einzige überlebende Schwester des Familienpatriarchen Yankele Hertzmann, hat ein interessantes Bonmot geprägt: „Kaffee ist etwas für Leute, die ihre Geschmacksknospen kontrollieren wollen. Nichts für jene, die sich von ihren Geschmacksknospen kontrollieren lassen. Nichts für jene, die leben wollen. Aber für jene, die das Leben kontrolieren wollen.“ 

FH: Welche Bedeutung hat Kaffee für Dich als Metapher und als Erscheinung des täglichen Lebens? 

VFF: Die Welt des Kaffees hat mich schon immer interessiert. Als ich dann aber einstieg in die Recherche zu meinem Buch, ließ ich mich regelrecht davon mitreissen: seine Geschichte, seine besondere Fachterminologie und die zahlreichen unterschiedlichen Bezugsgruppen überall auf der Welt. Aber auch als Metapher besitzt Kaffee einen außergewöhnlichen Reichtum. Was meine persönliche Beziehung dazu betrifft: ich mag Kaffee vor allem sehr, sehr gern – ich würde mich nicht unbedingt als süchtig danach bezeichnen, aber ich bin sicherlich nahe dran. Zweitens assoziiere ich Kaffee immer mit meinem Großvater, der ihn am liebsten kochend heiß trank. Und drittens erinnert er mich an meine Studentenzeit, während der ich regelmäßig als Barrista in einem Café arbeitete und vielen inspirierenden Menschen begegnete, vor allem während meiner Nachtschichten.
Vanessa F. Fogel

Der fünfundachtzigjährige Familienpatriarch Yankele Hertzmann hat seiner lebenslangen Liebe, seiner Ehefrau Dora, nach dem Krieg versprochen, niemals über die traumatische Geschichte ihres Überlebens unter nationalsozialistischer Verfolgung zu sprechen. Als sich seine Kinder in einem von ihm nicht vorhergesehenen und von den Medien genussvoll öffentlich gemachten erbitterten Streit um seine Nachfolge gegenseitig heftig zu bekämpfen beginnen, bricht er jedoch sein lebenslanges Versprechen und erzählt in vielen einsamen, nächtlichen Monologen nach und nach seine ganze Lebensgeschichte vor dem unparteiischen Blick seiner Digitalkamera. Obwohl er damit ganz andere Zwecke verfolgt und sich eigentlich nur eine ganz bestimmte, überaus schmerzlich vermisste Person als Publikum wünscht, wird er damit bei YouTube unverhofft zum Star, und seine späten privaten Geständnisse haben vollkommen unerwartete Auswirkungen auf den bröckelnden Zusammenhalt der Familie. 

FH: Sind die für alle Familienmitglieder heilsamen Auswirkungen der denkwürdigen Internetkarriere von Yankele Hertzmann lediglich eine schöne literarische Utopie oder kann der bewusste Weg in die Öffentlichkeit ein fruchtbarer Ansatz für alle Generationen sein? 

VFF: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Ich denke eigentlich nicht, dass in so sensiblen Fragen allgemein gültige Lösungsansätze hilfreich oder überhaupt zulässig sind. Hier können vermutlich nur individuelle Antworten helfen... 

Die überaus stimmige, empathische Erzählweise und inhaltliche Vielfalt von Hertzmann's Coffe machen es dem neugierigen Leser ausgesprochen leicht, sich über diesen ebenso intelligenten wie sensiblen Roman auf inspirierende Art und Weise zu unterhalten, welcher überdies – wie schon sein hoch gelobter Vorgänger – einen ganz eigenen, unverwechselbaren Sound besitzt, der ihn in seiner unaufdringlichen Wirkung noch unmittelbarer und zugänglicher macht. Insofern hat das Buch das schöne und keinesfalls zu unterschätzende Potenzial nicht nur seine Protagonisten auf eine Tasse Kaffe zusammenzubringen, sondern möglicherweise sogar seine gut unterhaltenen Leser. Dass die Autorin den individuellen Lösungsansatz ihres unvergesslichen Protagonisten nicht als Patentlösung verstanden wissen will, lässt ihren Roman umso ernsthafter, reifer und realistischer erscheinen. „Hertzmann's Coffee“ ist wie ein idealer, zwanglos-angenehmer fiktiver Treffpunkt von weltoffenen Menschen und ihren unterschiedlichen Meinungen, ganz egal ob diese ihre Geschmacksknospen kontrollieren wollen oder sich stattdessen von ihnen kontrollieren lassen – eine Tasse Kaffee in guter Gesellschaft ist immer eine bewusstseinserweiternde Option.



„Hertzmann's Coffee“, aus dem Englischen von Eva Bonné unter Mitarbeit von Vanessa F. Fogel, erschienen bei Weissbooks, 311 Seiten, € 22,90

Dienstag, 30. September 2014

„Gelebtes Leben“ von Emma Goldman

Wenn man entgegen der am weitesten verbreiteten Auffassung unserer Zeit geneigt ist, das weite Feld der Politik nicht etwa als lebensfremd und realitätsfern, sondern vielmehr als nicht eben unbedeutenden Teil des täglichen Lebens zu begreifen, dann kann die fast tausend Seiten umfassende Autobiografie der berühmten amerikanischen Anarchistin, Feministin und Friedensaktivistin Emma Goldman (1869-1940) weit mehr als ein nostalgischer Gruß aus unendlich fern scheinenden Zeiten sein, in denen das aus unserer Perspektive geradezu rührend anmutende Berufsbild des professionsmäßigen Revolutionärs nicht gerade selten war.




„Gelebtes Leben“ („Living My Life“, 1931) ist in der Tat ein äußerst treffender Titel für ein in dieser Ausgabe um ein erstmals übersetztes Nachwort der Autorin und einen erhellenden einleitenden Essay von Ilija Trojanow ergänztes lebenspralles Werk, das vor allem leidenschaftlicher Ausdruck der hellwachen, allaufmerksamen Betroffenheit sowie des unermüdlich-vitalen gesellschaftlichen und politischen Engagements seiner Autorin ist, aber auch Zeugnis ihrer tief empfundenen Liebe zum Leben als allumfassendem Kampf für die Befreiung des Individuums von jeglichen es in seiner persönlichen Entwicklung einschränkenden Faktoren.

Mein Leben, so wie ich es gelebt habe, verdanke ich allen, die hineingekommen sind, kurze oder lange Zeit verweilten und es wieder verließen. Ihre Liebe, ebenso wie ihr Hass, haben es lebenswert gemacht.

Die im heutigen litauischen Kaunas geborene Tochter eines jüdischen Theaterdirektors war von frühester Jugend an geprägt vom Elend der russischen Arbeiterklasse, mit revolutionärem und anarchistischem Gedankengut kam sie bereits vor ihrer im Alter von siebzehn Jahren erfolgten Emigration nach Amerika als junge Fabrikarbeiterin in Sankt Petersburg in Berührung. Die Arbeitsbedingungen in den USA bestärkten sie in ihren radikalen politischen Ansichten und nach ihrer Flucht aus einer unglücklichen Ehe in die aufkommende Metropole New York entwickelte sie sich durch die persönliche Bekanntschaft mit wichtigen amerikanischen Vordenkern der anarchistischen Bewegung wie Johann Most und ihrem langjährigen Geliebten und lebenslangen engen Freund Alexander Berkman alsbald selbst zu einer der Schlüsselfiguren der radikalen amerikanischen Arbeiterbewegung.




Ihre langjährige feste Auffassung, dass politisch motivierte Gewalt einschließlich Mordes als wichtiges Mittel zur Herbeiführung gesellschaftlichen Wandels anzusehen sei, modifizierte sie erst nach ihrer Ausbürgerung und Deportation nach Russland durch die USA im Jahr 1919 angesichts des für sie vollkommen desillusionierenden hautnahen Erlebnisses der Folgen der russischen Oktoberrevolution: die unweigerlich in Staatsterror mündende Entwicklung der noch jungen Sowjetunion sah sie bereits in den zwei Jahren ihres dortigen Aufenthalts, also lange vor Stalin voraus und vertrat von nun an die Ansicht, dass Gewalt lediglich als Mittel der Verteidigung im revolutionären Kampf als legitim anzusehen sei, jedoch nie zum eigentlichen Prinzip erhoben werden dürfe, da solcher institutionalisierter Terrorismus letztlich konterrevolutionär wirke.

Mein Leben – ich hatte es gelebt mit seinen Höhen und Tiefen, in bitterer Trübsal und jauchzender Freude, in schwarzer Verzweiflung und fiebernder Hoffnung. Ich hatte den Kelch bis zum letzten Tropfen geleert. Ich hatte mein Leben gelebt. Würde ich die Gabe haben, dieses mein Leben zu schildern?

Eine der hervorstechendsten Qualitäten von Emma Goldmans Memoiren ist die Tatsache, dass sie die Gefahren und Fehlentwicklungen des historischen Anarchismus zu keiner Zeit beschönigt und uns als Leser die einmalige Gelegenheit gibt, ihre persönliche und politische Entwicklung aus erster Hand miterleben zu dürfen. Neben ihren politischen Kämpfen erhalten wir auch erstaunlich offenen Einblick in ihr von dem Prinzip der „freien Liebe“ geprägtes Sexualleben und erleben eine faszinierende, kostbare, absolut wegweisende Frauenpersönlichkeit von außergewöhnlicher Strahlkraft, über die Ilija Trojanow in seinem Vorwort, Albert Einstein absichtlich falsch zitierend, vollkommen zu Recht sagt: „Zukünftige Generationen werden kaum glauben können, dass ein Mensch wie sie jemals auf Erden gewandelt ist.“

„Gelebtes Leben“, aus dem Englischen von Marlen Breitinger, Renate Orywa und Sabine Vetter, erschienen bei Edition Nautilus, 927 Seiten, € 24,90