Jerusalem

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Donnerstag, 24. März 2016

„Pici“ – ein Gespräch mit Robert Scheer über sein neues Buch und den Leidensweg seiner Großmutter unter deutscher Verfolgung


Im Herbst 2012 durfte ich für den renommierten Hanser-Verlag im Rahmen der alljährlichen Veranstaltungsreihe „Open Books“ anlässlich der Frankfurter Buchmesse das literarische Debüt des Tübinger Schriftstellers Robert Scheer (geboren 1973) vorstellen. In seinem hoch originellen ersten Buch „Der Duft des Sussita“ hatte der im rumänischen Carei geborene und in Israel aufgewachsene studierte Philosoph mit seinen satirischen Erzählungen unerwartete Erinnerungen an den jungen „politischen“ Ephraim Kishon geweckt.

Seine ebenso humorvollen wie doppelbödigen und tiefgründigen Texte überraschten dabei vor allem mit ihrem unverbrauchten, selbstbewussten Ton, ihrem  unverkrampften, aber dennoch äußerst entschiedenen literarischen Anspruch und ihrem unabhängigen Blickwinkel – drei wesentliche Eigenschaften, die sie nicht nur formal, sondern auch inhaltlich weit über das herausheben, was Verlage uns sonst oft als vielversprechende junge Literatur präsentieren. Robert Scheers Texte stecken voller Überraschungen – selbst Lothar Matthäus hat bei ihm ausnahmsweise mal alle Lacher auf seiner Seite. 


Robert Scheer


Ich bin Robert Scheer sehr dankbar für das Vertrauen, dass ich sein neues Buch „Pici“ bereits vor seinem offiziellen Veröffentlichungstermin lesen durfte. Auch sein neuer Text, eigentlich eine Übersetzung aus dem Ungarischen, stellt eine Überraschung dar, mit der man nicht unbedingt rechnen konnte. Es ist der autobiographische Bericht seiner Großmutter Elisabeth (genannt „Pici“) Meisels (1924-2015) über ihre Verfolgung durch Nazi-Deutschland, die der Autor als sehr persönliches Zwiegespräch zwischen seiner Großmutter und ihm selbst gestaltet hat .

Diese meines Wissens im Genre der Erinnerungsliteratur bisher nicht dagewesene Konstellation hat mich in ihrer liebevollen familiären Unmittelbarkeit regelrecht begeistert, weil es ihr auf erfrischende Art und Weise mühelos gelingt, die Vergangenheit mit der Gegenwart in lebendige Beziehung zu setzen. So eröffnen sich zwischen den Zeilen zahlreiche ganz neue Sichtweisen, die auch viel über das Vehältnis zwischen den Generationen verraten und das Buch zu einem besonders geglückten Beispiel bewusster Zeitzeugenschaft machen. Anlässlich der Leipziger Buchmesse hatte ich Gelegenheit, mit Robert Scheer über sein neues Buch zu sprechen.
 
FH: Deine Großmutter Pici stand an der Schwelle zum Erwachsensein, als sie durch die Nationalsozialisten aus einem sehr liebevollen Familienleben herausgerissen und mit ihrer gesamten Familie nach Auschwitz deportiert wurde. Anstatt ein eigenes selbstbestimmtes Leben in ihrer transsilvanischen Heimat beginnen zu können, wurde sie gewaltsam von allem getrennt, was ihr etwas bedeutete, und musste auf ihrem Weg durch die deutsche Vernichtungsmaschinerie schlimmste Traumata und Verluste erleiden. Obwohl ihre ganze Familie von den Nazis ermordet wurde, fand sie nach ihrer Befreiung die Kraft, eine Familie zu gründen und ein lebensbejahendes Leben zu führen. Mit der Herausgabe ihrer Erinnerungen in Buchform ist nun ein Herzensprojekt von Dir abgeschlossen, dem Du in den letzten Jahren sehr viel Aufmerksamkeit, Kraft und Liebe gewidmet hast. Mit welchen Gedanken und welchen Gefühlen blickst Du auf diese Zeit zurück?

RS: Ja, meine Großmutter hat ihre ganze Familie im Holocaust verloren. Auf dem Weg nach Hause, im Zug, hat sie meinen Opa kennengelernt. Seine Frau und sein kleiner Sohn waren ebenfalls von den Nazis ermordet worden. Mein Opa war dreizehn Jahre älter als Pici. Er starb 2007, mit 96 Jahren. Es war eine interessante Erfahrung, an dem Buch zu arbeiten. Obwohl Pici mir seit meiner Kindheit immer wieder über die Schoah und ihre Familie erzählt hatte, war es eine vollkommen neue Erfahrung, ihre Familie auf diese Weise kennen zu lernen. Sie, die Ermordeten, waren ja auch meine Familie, die ich nie persönlich kennengelernt habe, aber unter anderen Umständen ohne Zweifel kennengelernt hätte. Ich konnte sie mir aber mit Picis präzisen Beschreibungen gut vorstellen. Ich konnte die damalige Zeit fast „riechen“. So war meine „verlorene“ Familie plötzlich gar nicht mehr abstrakt, sondern ganz konkret, geradezu plastisch. Die Gestalten wurden lebendig. Deshalb liest sich das Buch auch fast wie ein Roman, obwohl es von nichts anderem als der Wirklichkeit erzählt. Und die Wirklichkeit ist unglaublich! Zum Beispiel: Picis geliebter, zwei Jahre jüngerer, Bruder, Béluska, starb am 25. Dezember 1944 im KZ Mauthausen. Mein Vater, also Picis Sohn, Ivan, wurde genau an diesem Tag – am 25. Dezember – zwei Jahre später geboren. Wenn ein Romancier sich so etwas ausdenken würde, müsste man ihm eine unglaubwürdige Konstruktion vorwerfen. Aber so ist das Leben! Das Leben ist manchmal viel „fiktiver” als jede Art von Fiktion. Die Wirklichkeit kann unglaublich sein! Und noch etwas: Weihnachten 2015 ist mein Manuskript vom Verlag Marta Press auf Anhieb angenommen worden, ebenfalls am 25. Dezember! Erst wenige Tage zuvor hatte ich mein Manuskript dort eingereicht. Es schien so, als hätte Pici ihre unsichtbare Hände im Spiel gehabt. Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass alles gut geklappt hat und das Wichtigste: Pici wäre damit glücklich gewesen. Deswegen bin ich auch glücklich!

FH: Das klingt, als wäre Dir die Arbeit am Manuskript nicht schwer gefallen…

RS: Nein, nein! Es fiel mir sogar äußerst schwer, über Monate an diesem sehr persönlichen Text zu arbeiten. Niemals habe ich mehr als eine Seite pro Tag geschafft. Aber nicht aus Arbeitsökonomie wie Thomas Mann, sondern weil mein Seelenhaushalt es brauchte. Ich gebe zu: ab und zu wurden meine Augen nass. Es war nicht immer einfach, das Buch fertig zu stellen. Ich denke, die Arbeit daran war eine der schwierigsten Aufgaben, die ich in meinem Leben bisher bewältigen musste. Auf jeden Fall war es der schwierigste Text, den ich je geschrieben habe. Und dabei habe ich ihn nicht einmal selbst geschrieben – vielleicht deswegen. Es dauerte viele Monate, bis ich mit der Übersetzung aus dem Ungarischen fertig war, und weil ich kein Übersetzter bin, klang alles ein wenig wie Herta Müller. (Lacht.) Es war Deutsch, aber es klang ein wenig fremd. Mir war klar, dass noch viel Arbeit investiert werden müsste, von mir, von einem zukünftigen Verlag, vom Lektorat. Das war mir bewusst. Aber als Pici dann gestorben ist, beschloss ich zu handeln und das Manuskript Verlagen anzubieten.




FH: Pici ist im vergangenen Jahr im Alter von einundneunzig Jahren verstorben. Die Annahme des Manuskripts erfolgte also erst nach ihrem Tod. Hast Du Deine Großmutter, die Du im wahren Leben gerade erst verloren hattest, seither noch einmal auf andere Art und Weise kennengelernt oder etwas Neues über sie oder über Dich selbst erfahren?

RS: Ich habe viele Details erfahren. Ich wusste, dass sie in Auschwitz war, aber im Buch erzählt sie über viele andere Konzentrationslager, von denen ich bis dahin noch nicht gehört hatte, und von Frauen, mit denen sie dort eingesperrt war. Ihr Leben wird so anschaulicher, greifbarer. Dass sie viele Grausamkeiten erleben musste, wusste ich, aber welche genau – das habe ich erst mit dem Buch erfahren. Und auch über ihre erste Liebe. Pici redet im Buch offen über alles, was sie damals und später bewegte. Man kann viel über ihre Generation lernen, über ihre Moral, Sitten usw. Es waren andere Zeiten als die heutigen, aber so fremd wirken diese Menschen nicht. Menschen sind eben Menschen: es gab schon immer gute und schlechte Menschen, Dumme und Kluge. Insbesondere gab es immer schon eine Mischung aus guten und schlechten, dummen und klugen Menschen. Die Zeit des Nationalsozialismus ist natürlich ein Extremfall, der uns tief in die verborgensten Abgründe des Menschseins blicken lässt. Die Schoah war vielleicht der tiefste Abgrund der bisherigen menschlichen Geschichte, aber Abgründe wie dieser können sich immer wieder auftun. Was Pici erleben musste, war die Hölle auf Erden. Menschen, die nicht erlebt haben, was sie erleben musste, können in ihrem Zeugnis das höchste Maß der Unmenschlichkeit veraunschaulicht bekommen. Und diejenigen, die diese Grausamkeiten begingen, waren Menschen. Der Mensch kann, wie das Buch zeigt, ein äußerst gefährliches Tier sein oder, wenn man so will, ein Engel des Todes und der Zerstörung. Dieses Buch zeigt beides: Menschlichkeit und Unmenschlichkeit. Die Bezeichnung „der Mensch” ist vom Grundsatz her ja vollkommen neutral, ein abstrakter Begriff. Erst mit seinen Handlungen zeigt der Mensch sein wahres Gesicht. Und die Gesichter vieler Menschen, die Pici während der Zeit ihrer Verfolgung kennenlernen musste, waren eben keine schönen Gesichter. Die Nazis haben Pici nicht als Menschen betrachtet, und dies gehört zur Tragödie des Menschen: wenn einer den anderen nicht als gleichwertig betrachtet. So etwas kann nie gut enden.

FH: Gibt es eine bestimmte Szene in Picis Erinnerungen, die Dich besonders beeindruckt hat? Mir hat besonders imponiert, wie sie und ihre Schwestern während ihres Aufenthalts im Frankfurter Konzentrationslager Walldorf etwa die Waschtage zu genießen vermochten oder die frische Luft im Wald auf dem Weg zur Zwangsarbeit. Ingsgesamt hat mich beeindruckt, dass Pici ihre Erlebnisse aus der Perspektive eines Menschen beschreibt, der überlebt und mit wachen Sinnen das ganze Zwanzigste Jahrhundert erlebt und auch innerlich verarbeitet hat. Als ein aufgeklärter, denkender Mensch des 21. Jahrhunderts, der in der Lage dazu ist, auch Vergleiche zwischen gestern und heute zu ziehen.

RS: Eine weitere erschütternde Szene, die man niemals hätte erfinden können, hat sich ebenfalls in Walldorf zugetragen: fünfzig Häftlingsfrauen wurden auf der Ladefläche eines LKW in den Wald gefahren. Plötzlich stoppt der Wagen mitten im dichten Wald, und die Frauen müssen absteigen. Der SS-Fahrer und die Lageraufseherin verschwinden im Gebüsch und haben Sex miteinander. Fünfzig „Stück” Frauen müssen den beiden dabei zusehen – „Stück“, so haben sie sie wirklich genannt, wenn sie sie „angefordert“ haben. Daran kann man erkennen, dass sie sie nicht als Menschen betrachtet haben. Diese fünfzig unglückseligen, kahlköpfigen, unterernährten Frauen standen da und beobachteten diese Frau und diesen Mann in ihren intimen Momenten und schämten sich unendlich dabei. Zur Schau gestellte Sexualität hatte damals ja in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Schon gar nicht im „sauberen“ deutschen Reich. Für die beiden Deutschen waren diese armseligen, bedauernswerten Kreaturen, die da standen und warteten, bis sie fertig waren, weniger wert als Tiere. Das ist genau das, was Pici in diesem Moment realisierte und ihren Schwestern mitteilte: „Sie betrachten uns nicht als Menschen!” 

Auschwitz/Foto: Pimke

FH: Warum ist es wichtig, einen weiteren Zeitzeugenbericht über die Zeit des Nationalsozialismus zu veröffentlichen?

RS: Die Generation meiner Großmutter stirbt langsam, aber sicher aus. Es gibt nicht mehr viele Überlebende, die noch selbst ihre Geschichte erzählen können. Aber die Geschichten der Opfer des Nationalsozialismus sollten auf jeden Fall bewahrt werden – nicht nur die der Überlebenden, sondern auch die der vielen Millionen von Toten, die von den Nationalsozialisten zum Schweigen gebracht wurden. Wir müssen von ihnen berichten. Denn ohne Vergangenheit gibt es ja keine Zukunft. Nur wenn wir von der Vergangenheit lernen, können wir auf eine gute und sichere Zukunft hoffen. Dies scheint mir heutzutage das Problem zu sein, nämlich dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit nur wenig gelernt zu haben scheinen. Viele Menschen denken wie selbstverständlich, dass sie wesentliche Lehren aus dem Nationalsozialismus verinnerlicht haben. Aber leider ist das meistens nicht der Fall. Die Menschen erweisen sich in den meisten Fällen angesichts gegenwärtiger Herausforderungen als äußerst unwissend, leider. Dieser Bericht ist ein Dokument gegen die allgemeine Gleichgültigkeit und die Verdummung. Ich meine, ja, wir sollten von der Vergangenheit lernen. Und ich freue mich insbesondere für die jungen Leute, die Interesse an diesem Buch haben. Es hat mich wirklich überrascht, dass die jüngere Generation so einen Wissendurst hat und das Buch unbedingt lesen möchte. Aus dieser Beobachtung heraus habe ich mich auch auf andere Art und Weise mit Picis Lebensweg auseinandergesetzt: ich habe ein langes Poem in sehr einfacher und konzentrierter Sprache darüber geschrieben, um insbesondere Lehrern und Schülern eine Gelegenheit anzubieten, sich mit diesem Thema in unmittelbarerer Form auseinanderzusetzen, als es sonst gemeinhin möglich ist.

FH: Das klingt interessant! Gibt es schon einen Verlag?

RS: Nein, leider hat sich bislang noch niemand gefunden, der das Poem veröffentlichen möchte. Lyrik ist ein sehr kompliziertes Thema auf dem deutschen Buchmarkt, es gehört viel Idealismus dazu, nicht nur als Autor, sondern auch als Verlag. Das Poem über Pici ist also in vielfacher Hinsicht idealistisch! Letztlich erzählt es dieselbe Geschichte wie dieses Buch, nur in anderer, für den Unterricht möglicherweise geeigneterer und prägnanterer Form. Um auf die vorherige Frage zurückzukommen: Man sollte trotz allem, was die Menschen offenbar daran hindert, aus ihrer Vergangenheit zu lernen, nicht allzu pessimistisch sein – dennoch muss man natürlich stets darauf bedacht sein, Zeichen gegen die Dummheit zu setzten. Das Kaufen dieses Buches ist zweifellos so ein Zeichen! Und die Lektüre natürlich…

FH: Beim Lesen von Picis Erinnerungen fällt auf, dass sie erst im letzten Drittel des Buches von ihrem traumatischen Weg durch die grausame Vernichtungsmaschinerie der Nazis berichtet. Wie wichtig war es Dir bei der Textredaktion, zunächst eine ausführliche Vergegenwärtigung ihres friedlichen, prägenden Lebens vor der Verfolgung zu schaffen, eines liebevollen, behüteten Lebens in Freiheit „so wie es sein sollte“?

RS: Der Hintergrund für das, was später passieren wird, ist ausgesprochen wichtig. Wie gesagt, das Buch liest sich wie ein Roman. Dennoch ist das Buch auch sachlich. Man kann einiges über das Leben einer durchschnittlichen jüdischen Familie im multikulturell geprägten Transsilvanien der 1930er und 40er Jahre lernen. Picis Vater ist Holzhändler. Das Land, in dem seine Familie lebt, heißt seit Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr Österreich-Ungarn, sondern Rumänien. Und nur wenig später wird es Ungarn heißen. Bildlich gesprochen: Man hat das Haus und den eigenen Vorgarten nicht ein einziges Mal verlassen, doch während man isst und trinkt, liebt und lebt, hat sich innerhalb kürzester Zeit dreimal die nationale Zugehörigkeit geändert. Es ist ein typisch europäisches Phänomen – aber nicht nur.
Man lernt zahlreiche unterschiedliche Völkergruppen kennenlernen, zum Beispiel Rumänen und Ungarn, die sich gegenseitig zutiefst verachten, obwohl sie zwischenzeitlich weitgehend friedlich zusammengelebt oder wenigstens nebeneinander hergelebt haben. Bis heute hat sich an ihrer gegenseitigen Verachtung nicht viel geändert. Die Mentalität eines Menschen oder einer Gruppe ändert sich nicht von einem Tag auf den anderen, nicht einmal von einer Generation zur nächsten. Das kann man besonders gut beobachten, wenn man die Einstellung mancher Menschen zur aktuellen Flüchtlingswelle betrachtet. Die größten Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen beobachten wir zweifellos in den ehemals kommunistischen Ländern, aber nicht nur dort. Auch hier fühlen sich viele Menschen vom „Anderen” bedroht. Und das obwohl sie den Anderen oder das Andere nicht einmal kennen. Auch in Japan war es mal so: sie haben Juden gehasst, obwohl es dort gar keine Juden gab. Das Allereinfachste ist es nämlich, Menschen gegen andere, schwächere Menschen aufzuhetzten. Es ist die klassische Instrumentalisierung des Fremden als Sündenbock, wenn man Schwierigkeiten damit hat, beim Blick in den Spiegel die Probleme bei sich selbst zu erkennen. Dafür braucht man nämlich Selbstbewusstsein und zwar wirkliches, echtes. Und das kommt nicht von einem Tag auf den anderen, sondern ist das Ergebnis eines ständigen, bewussten Lernprozesses. In der heutigen, schnelllebigen Welt ist es aber viel einfacher nicht zu lernen, nicht selbstbewusst zu sein. Die hochentwickelte Technologie und die mit ihrer kommerziellen Nutzung einhergehende Reizüberflütung und Überinformation überfordert viele Menschen. Man möchte einfache Antworten. Solche gibt es aber meistens nicht, denn trotz unseres rapiden technischen Fortschritts ist die menschliche Persönlichkeit kaum nennenswerter Veränderung unterworfen, das heißt, die Vernunft ist nur ein winziger Teil des menschlichen Daseins. Wir sind komplexe Wesen voller unauflösbarer Widersprüche. Und genau diese Tatsache können viele Menschen nicht ertragen: sie wollen etwas vereinfachen, was nicht einfach ist. 


Robert Scheer: "Alles im Fluss"

FH: In ihrem Nachwort sagt die Verlegerin Jana Reich etwas sehr Wichtiges: dass ihr Pici im Verlauf der Arbeit am Text regelrecht ans Herz gewachsen sei. Zunächst habe sie aber recherchiert, ob es sich bei ihrem Bericht tatsächlich um authentische Erinnerungen einer realen Zeitzeugin handele. Sind Empathie und ein kritischer Verstand die wichtigsten Eigenschaften, um sich mit Picis Geschichte auseinanderzusetzen? Wie wichtig sind diese Eigenschaften in der Gegenwart?

RS: Gefühl und Verstand miteinander im Gleichgewicht zu haben und zu halten, ist nicht einfach. Es gibt Menschen mit viel Gefühl, aber wenig Verstand und es gibt Menschen mit viel Verstand, aber wenig Gefühl. Die Menschen mit überwiegend „objektiven Eigenschaften” verstehen die Menschen mit überwiegend „subjektiven Eigenschaften” nur wenig, und umgekehrt verhält es sich genauso. Das Problem wird aber noch größer, wenn man entdeckt, dass es sich dabei nicht um irgendwelche fremde Menschen aus der Außenwelt handelt, sondern um sich selbst. Hier kommen die Philosophien der Subjektivität zum Tragen, die aber eigentlich uninteressant sind. Was ich meine, ist, dass man sich einfach fragen sollte, was einem näher steht: das „Wie“ oder das „Was“. Das „Wie“ ist ein nicht voraussagbarer offener Prozess, in dem man aber etwas anstoßen und bewegen kann. Das „Was“ bedeutet keinerlei Bewegung; es heißt, dass die dingliche Welt die Menschen bestimmt. Diese zweite Möglichkeit ist faktisch identisch mit der gefährlichen, aber ich gebe zu: nicht uninteressanten Methode der maoistisch-kommunistischen und faschistischen Philosophie. Platon, Heidegger und Sartre gehörten diesem Dogma der Ontologie an, und Sloterdijk gehört ihm ebenfalls an, um auch einen zeitgenössischen Philosophen zu nennen. Das „Wie“ der sogenannten Epistemologie ist ein offener Prozess, und deswegen bleibt er für viele unattraktiv und subjektiv. Meinem Verständnis nach sind Empathie und kritischer Verstand keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille.

FH: Was bedeutet das konkret?

RS: Mein Buch ist ein Generationengespräch zwischen einer Großmutter und ihrem Enkelkind – über Familie und Liebe, Hass und Wahnsinn und nicht zuletzt – über Hoffnung. Es ist ein Plädoyer für Vielfalt und Offenheit. Viele Menschen wollen sich verschließen, und die Viefalt wird von ihnen als bedrohlich betrachtet. Sie macht ihnen Furcht, und sie empfinden sie als undenkbar. Hier will und muss ich klar Partei für eine Atmosphäre von Offenheit und Vielfalt ergreifen, die ich ja schützen und erhalten möchte. Denn es gibt keinen Weg, in dieser Frage neutral zu bleiben. Enweder ist man für einen kleinen isolierten Teil oder für das Ganze. Ich bin für das Ganze und möchte auch kein Geheimnis daraus machen. Ein Künstler kann nur jemand sein, der nach einem höheren, besseren, möglicherweise unerreichbaren Ziel strebt. Wer sich bedingungslos mit dem Bestehenden arrangiert, ist kein Künstler, kann niemals ein wahrer Künstler sein.
Denn ein wahrer Künstler ist niemals Nationalist, sondern Universalist und Weltbürger. Er ist außerdem Pazifist. Und er ist agnostisch. Und außerdem ist er Humanist. Diese wesentlichen weltanschaulichen Eigenschaften eines Künstlers hat der jüdische Philosoph Jeschajahu Leibowitz einmal gleichsam von außen sehr scharfsinnig analysiert und benannt, aber mit anderen sprachlichen Begrifflichkeiten. Ich sage bewusst „von außen“, weil er sich zu keiner dieser Eigenschaften bekannt hat – denn er war kein Pazifist, sondern glaubte an das Judentum. Leibowitz war Gnostiker, denn er glaubte an den jüdischen Gott. Aus diesem Grund war er auch kein Humanist und auch kein Anarchist. Der Unterschied zwischen Leibowitz und einem x-beliebigen ignoranten Zeitgenossen ist, dass er sich als Philosoph dieser Tatsache bewusst war. Man trifft im Leben zahlreiche Menschen, die anders denken als man selbst, aber ein Dialog mit ihnen ist dennoch möglich. Man muss nicht der gleichen Meinung sein, denn Werte sind subjektiv. Dies aber zu begreifen und umzusetzen, ist allerdings eine sehr schwierige Sache... 


Grenzwall zwischen Israel und Palästina/Foto: Aldo Ardetti


FH: Wenn man aktuelle reaktionäre politische Bewegungen in ganz Europa oder auch in den USA näher analysiert, fällt auf, dass man den meisten ihrer Anhänger einen erheblichen Mangel an Empathie bei gleichzeitigem Verharren auf zum Teil irrationalen Grundsätzen bescheinigen muss. Die AfD möchte laut eigenem Parteiprogramm die „zwölf Unglücksjahre“ des Nationalsozialismus, die mit ihren 80 Millionen Toten in Wirklichkeit Unglück für mindestens 1000 Jahre bedeuten, im Schulunterricht weniger ausführlich behandeln als bisher. Ist es nicht zum Verzweifeln, gleichzeitig mit der Veröffentlichung von Picis Erinnerungen revisionistische Bewegungen auf der ganzen Welt wachsen zu sehen? 

RS: Es ist leider so. Dabei ist die derzeitige Situation in Deutschland noch wesentlich besser als in vielen anderen Ländern. In Polen, in der Türkei, in Ungarn oder in Israel regieren zur Zeit rechtspopulistische Parteien. Für sie geht es nicht um Menschen und menschliche Werte im Allgemeinen, sondern um Polen, Türken, Ungarn oder Israelis. Israelische Juden, besser gesagt, denn in Israel genießen nur Juden die vollen Bürgerrechte. Diese Parteien und ihre Anhänger sind keine Humanisten und ganz sicher keine Pazifisten. Sie glauben an gefährliche Begriffe wie „Volk“, „Blut“ und „Vaterland“ – und das nach all dem, was in der jüngeren Geschichte passiert ist, wovon auch mein Buch erzählt!

FH: Aber Israel ist doch als großer Schmelztiegel bekannt, der Juden aus den verschiedensten Ländern aufgenommen und integriert hat. Viele Juden aus aller Welt sind nach Israel ausgewandert, um dort in Frieden leben zu können.

RS: Israel ist ein besonders gutes Beispiel, weil die Realität dort vollkommen anders aussieht als zionstische und linke Idealisten sie sich ursprünglich vorgestellt haben. Man hört oft Wörter wie „Frieden“ oder „Friedensprozess“ im Zusammenhang mit dem Jahrzehnte währenden Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Aber was heißt Frieden? Für die Israelis hat das Wort „Frieden“ mindestens zwei unterschiedliche Bedeutungen: für die sogenannten „Linken“ ist damit die von ihnen selbst vorgeschlagene territoriale Aufspaltung in zwei unabhängige Nationalstaaten gemeint, für die es aber in Israel keine politische Mehrheit gibt. Die herrschenden, rechten Parteien bevorzugen eine Schritt-für-Schritt-Lösung. Das bedeutet aber konkret: nur wenn die Palästinenser sich an Vereinbarungen halten, bekommen sie auch etwas dafür. Wenn sie sich nicht daran halten, kriegen sie auch nichts. Diesen scheinheiligen Schritt-für-Schritt-Frieden lehnen die Palästinenser natürlich ab. Sie lehnen aber auch die Zwei-Staaten-Lösung ab, denn sie wollen einen Frieden, der von „Außen“ kommt. Das heißt, die Palästinenser möchten keinen direkten Frieden mit den Israelis, sondern einen, der durch Einmischung anderer Nationen zustande kommt. Die sogenannte binationale Lösung, in der Palästina und Israel einen gemeinsamen Staat bilden würden, ist sogar noch fantastischer und unwahrscheinlicher als die beiden anderen. Was ich damit sagen will: das eigentlich unmissverständliche und sehr konkrete Wort „Frieden“ kann für unterschiedliche Personen oder Gruppen durchaus unterschiedliche Bedeutungen haben. Für manche ist es gleichbedeutend mit sofortiger territorialer Trennung und einer Zwei-Staaten-Lösung. Für andere ist es nur eine kleine Etappe in einem langwierigen Prozess minimaler Fortschritte. Für wieder andere bedeutet Frieden eine Einmischung von Außen. Frieden ist also eine äußerst komplizierte Sache. Aus neutraler, objektiver Perspektive könnte man dennoch behaupten: keiner möchte Frieden. Oder besser: im Nahen Osten möchte jeder eine andere Art von Frieden.

FH: Ist das nicht vollkommen absurd? Ein unzulängliches Gleichgewicht zwischen Nicht-Frieden und Nicht-Krieg, eine Art unbestimmter, unabänderlicher Zwischenzustand?

RS: Solche Dinge passieren, wenn man nicht die Offenheit, sondern die nationale Geschlossenheit sucht. So ist das mit den Populisten in Europa. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Wir haben das Wissen und auch die technischen Möglichkeiten das Universum zu erforschen. Wir sind fähig, zum Mond und vielleicht sogar bald zum Mars zu reisen, doch zur selben Zeit sind die meisten Menschen auf der Erde mit ihrem irrationalen Hass auf andere Menschen beschäftigt. Das ist ja sehr traurig, kaum zum Aushalten traurig sogar. Anstatt seinen Mitmenschen auf gleicher Ebene zu begegnen, diskriminiert man sie als Christen oder Juden oder Muslime. Oder in besonders rückwärtsgewandten Gesellschaften sogar als Frauen. Anstatt Menschen als Menschen zu betrachten, bewertet man sie als diesem oder einem anderen Land oder Volk zugehörig. Oder einer anderen Religion. Ist es wirklich so schwer, über die scheinbaren unwesentlichen Unterschiede hinwegzuschauen und den Menschen einfach nur als Menschen zu betrachten? Es wird vermutlich eine lange Weile dauern, bis es endlich so weit sein wird, eine ganze lange Weile…

Montag, 21. März 2016

Umkehrung eines Gebotes

In seinem Film „Dekalog, Eins“ (1989) über das erste biblische Gebot „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ erzählt der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski vom tragischen Irrtum eines alleinerziehenden Informatikers, der seinem elfjährigen Sohn gerade erst die langersehnten Schlittschuhe geschenkt hat. Da dieser es kaum erwarten kann, sein neues Geschenk auf dem frisch zugefrorenen, nahe gelegenen See auszuprobieren, vermisst der Wissenschaftler mit großer Sorgfalt die Dicke des Eises und rechnet anschließend die Wahrscheinlichkeit von dessen Tragfähigkeit aus. Da er zu einem positiven Ergebnis kommt, erlaubt er seinem Sohn das Schlittschuhlaufen, doch das große Unglück geschieht – der Junge bricht ein und ertrinkt. Es wäre allerdings selbst angesichts des ausgeprägten polnischen Katholizismus zu kurzsichtig, den Film auf eine eindimensionale Kritik an einem Götzen namens wissenschaftlicher Rationalität zu reduzieren. Die entscheidende Frage, die der Regisseur mit seinem klugen Film aufwirft, müsste eher wie folgt formuliert werden: „Kann es für unser Handeln inmitten aller sonstiger möglicher relevanter Beweggründe eine wichtigere Instanz geben als Leben und Wohl eines Kindes?“

J. Tissot: "Moses und die zehn Gebote" (ca. 1896)

Eine kulturell hochentwickelte, wirtschaftlich prosperierende Gesellschaft muss sich notwendigerweise immer zwischen verschiedenen, zum Teil sogar antagonistischen Triebfedern ihres Handelns und ihrer Fortentwicklung bewegen, die man metaphorisch mit einigem Recht durchaus als miteinander konkurrierende Götter bezeichnen kann. Es ist wichtig, sich dieser Tatsache bewusst zu sein: wir finden sie in unterschiedlicher Ausprägung in der klassischen griechischen Mythologie ebenso verkörpert wie im untergeordneten Pantheon der christlichen Schutzheiligen oder alltäglichen Äußerungsformen der Moderne ohne jeden religiösen Bezug. Alle diese Platzhalter konkreter äußerer Erscheinungen verlangen mit ihren spezifischen Eigenarten Aufmerksamkeit und Beachtung vom Einzelnen, wobei jeder Mensch nach seinen eigenen Maßstäben und Neigungen oder auch nur situationsbedingt den einen gegenüber dem anderen bevorzugen wird. Diese abstrakten oder weltlichen Verkörperungen helfen uns, in bestimmten Situationen und Lebensphasen verschiedene Aspekte einer einzelnen Erscheinungsform oder einer bestimmten Aufgabe aktiv zu vergegenwärtigen und sind somit ein geeignetes Mittel zu einer differenzierten, pluralistischen Weltsicht.

Problematisch wird es erst, wenn ein einzelner Gott bzw. seine weltliche Erscheinungsform zum alleinigen Maßstab menschlichen Handelns erhoben wird, denn diese dogmatische Überhöhung mit Anspruch auf absolute Universalität kann nur auf Kosten des menschlichen Bewusstseins gehen. Das Dogma des Monotheismus zerstört unser ausdifferenziertes sinnliches Bewusstsein für die unterschiedlichen belebten und gedanklichen Erscheinungsformen unserer Umwelt – sowohl im übertragenen wie auch im unmittelbaren und konkreten Sinne. Wenn es außerdem noch zu einer Staatsreligion erhoben wird, beeinträchtigt es unsere soziale, wirtschaftliche und kulturelle Handlungsfähigkeit erheblich. Frankreich hat deshalb als unmittelbare Konsequenz aus der Dreyfus-Affäre seit 1905 zunächst die strenge Trennung von Staat und Kirche forciert und 1946 als erster europäischer Staat das gute und nützliche Prinzip der Laizität fest in seiner Verfassung verankert. Bis heute bekennen sich weltweit erst sechzehn Staaten per Verfassung zu diesem Prinzip, in Europa sind es neben Frankreich lediglich Albanien, Portugal und Tschechien. In dem 1923 aus dem Kernland des Osmanischen Reichs künstlich geschaffenen neuen Nationalstaat Türkei (mit seiner multikulturellen, multiethnischen und multireligiösen Zusammensetzung) besteht es heute nur noch de iure.

Es ist aber sehr viel weniger interessant, über konkrete monotheistische und polytheistische religiöse Anschauungen sowie ihre jeweiligen Vor- oder Nachteile zu reden als über die Prinzipien, die unser individuelles oder kollektives Handeln heute bestimmen. Das dominierende „göttliche“ Regulativ der Neuzeit ist ohne Zweifel die Zeitmessung als Grundlage unseres ökonomischen Handelns – sowohl im wirtschaftlichen als auch im privaten Sinne. Es besteht, ohne dass wir uns dieser irritierenden Tatsache bewusst werden, neben unserem individuellen Glauben oder sonstigen persönlichen weltanschaulichen Prinzipien. Dieses Regulativ ist so dominant, dass es wohl keiner ernsthaft als entbehrlich bezeichnen würde, obwohl viele Menschen deutlich sichtbar unter dem von der Zeitmessung verursachten Druck leiden. Uhren finden wir als „Götterbilder“ der Moderne seit Jahrhunderten auf vielen öffentlichen Plätzen ebenso wie an unseren Handgelenken. Aus neutraler, unabhängiger Perspektive betrachtet, müssen sie kaum weniger rührend oder befremdlich wirken als Rosenkränze oder Halsketten mit Magen David, Halbmond oder Kreuz. Gleichzeitig widerspricht es den Grundprinzipien einer funktionierenden Gesellschaft, humanistische Grundsätze einem Prinzip wie Zeitmessung, unbedingter wissenschaftlicher Rationalität oder dem Glauben an einen bestimmten Gott unterzuordnen.

Margret Hofheinz-Döring: "Tanz ums goldene Kalb" (1962)

Die differenzierte Sicht auf unterschiedliche Götter, Religionen oder weltliche Handlungsprinzipien aller Art als gleichberechtigte Grundlagen für unsere auf bestimmte einzelne Situationen bezogenen Entscheidungen verhilft uns zu einem klareren Bewusstsein, das uns handlungsfähiger und selbstbestimmter macht. Die kategorische Forderung: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ kann deshalb nur rückwirkend aus der Sicht dessen geltend gemacht werden, der seine jeweilige situative Herausforderung mit Hilfe seines jeweiligen Leitprinzips erfolgreich bestanden hat oder eben daran gescheitert ist. Bezogen auf Kieslowskis Beispiel heißt das: Der trauernde Informatiker muss erkennen, dass er das Prinzip der Sicherheit seines Sohnes niemals dem Prinzip der wissenschaftlichen Rationalität hätte unterordnen dürfen. Für einen selbstbestimmten und aufgeklärten Menschen muss das erste Gebot deshalb heißen „Ich bin ein Gott von vielen, du darfst so viele von uns haben, wie du willst, aber bitte schenke uns Aufmerksamkeit und entscheide weise, wie wir dir dienen können.“ – Dass wir am Ende trotz aller in unseren individuellen Entscheidungsprozess eingebrachten Bewusstheit und Voraussicht unter Umständen scheitern können, gehört zur universellen menschlichen Erfahrung, vor der uns der unbedingte Glaube an einen einzelnen eifersüchtigen Gott am allerwenigsten zu bewahren vermag.

Sonntag, 13. März 2016

Der passive Bürger

Anfang der 1990er Jahre hat der amerikanische Politologe Stanley Feldman für eine repräsentative Befragung innerhalb der US-Bevölkerung vier einfache, scheinbar unverfängliche Fragen entwickelt, mit deren Hilfe sehr zuverlässige Aussagen darüber getroffen werden können, wie stark innerhalb einer Gruppe von Befragten autoritäre und hierarchische Einstellungen wirksam sind:

  1. Welche dieser beiden Eigenschaften sollte ein Kind Ihrer Meinung nach haben: Unabhängigkeit oder Respekt vor Älteren?
  2. Welche dieser beiden Eigenschaften sollte ein Kind haben: Folgsamkeit oder Selbstvertrauen?
  3. Wie sollte sich ein Kind Ihrer Meinung nach verhalten: aufmerksam oder artig?
  4. Welche dieser Eigenschaften sollte ein Kind haben: Neugier oder gutes Benehmen?

Die derzeitigen Erfolge von Donald Trump in den USA, von der AfD in Deutschland oder anderen rechtspopulistischen Bewegungen in ganz Europa zeigen, wie leicht sich latent in der Bevölkerung vorhandene autoritäre und hierarchische Einstellungen von gewissenlosen Politikern aktivieren und bündeln lassen. Die indirekte, psychologisch durchdachte Fragetechnik von Professor Feldman umgeht dabei ganz bewusst die unverblümte, ohnehin kaum mit ja oder nein beantwortbare Frage: „Mögen Sie Moslems?“ – Gleichzeitig setzt er auf kongeniale Art und Weise an einem ganz entscheidenden Punkt an, der für die spätere Weltsicht eines erwachsenen Menschen entscheidende Grundlagen zu setzen vermag: die Erziehung unserer Kinder.


Raoul Hausmann: "Postkarte an Tristan Tzara" (1921)

Man braucht gedanklich nicht bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückzugehen, um zu dem trostlosen Eindruck zu gelangen, dass auch heute in einem großen Teil der deutschen Bevölkerung immer noch ein starker Wunsch nach hierarchischen Strukturen und übergeordneten Autoritäten vorhanden ist, der allein mit Autoritätshörigkeit oder -gläubigkeit nur ungenügend beschrieben scheint. Schon im Kindergartenalter muss ein Kind in vielen Familien lernen, dass es sich den Lebensäußerungen seiner Eltern bedingungslos unterzuordnen hat. In der Schule lernt es sich dem Lehrplan und einer standardisierten Beurteilung zu beugen und im Berufsleben wird allzu oft eine bedingungslose Loyalität zum Arbeitgeber verlangt. Natürlich erhält der willfährige Bürger auch etwas dafür zurück, das ihn in seiner Passivität bestärkt: Süßigkeiten, falsches Lob und Steuerfreibeträge.

Diese erkaufte Unterwerfung muss von außen beständig gefüttert werden, um den sonst überhand nehmenden Eindruck der Selbstverleugnung zu verdrängen. Der passive, erwartungsvolle Bürger sieht den Staat, den Arbeitgeber, den Anderen in ständiger Lieferpflicht. Aus dieser verzerrten materialistischen Perspektive heraus betrachtet, ist die bedingungslose Aufnahme von Flüchtlingen natürlich etwas Ungeheuerliches: da kommen hunderttausende von Fremden ins Land, die weder die vorherrschende jahrzehntelange Initiation der Unterwerfung unter unser hierarchisches System absolviert noch etwas für die hiesige Gesellschaft „geleistet“ haben und erhalten dennoch Leistungen vom Staat, von denen sie unter bescheidenen Verhältnissen für überschaubare Zeit ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Dieses unkonditionelle Gebot mitmenschlicher Nothilfe muss aus den Augen des passiven Bürgers wie eine Verhöhnung seiner antrainierten materialistisch-ritualisierten Selbstverleugnung erscheinen: wenn ein Anderer, Fremder bedingungslose Leistungen vom Staat bezieht, scheint die angenommene Bedingung der eigenen Selbstverleugnung plötzlich obsolet und er beginnt die bisherige Ordnung in Frage zu stellen. Dass dies derzeit in so massivem, zum Teil sogar radikalem Umfang geschieht, mag nicht unbedingt zu erwarten gewesen sein, vorhersehbar war es auf jeden Fall. Der Vizekanzler und Vorsitzende der SPD hat dieser neuen paradoxen Art von Sozialneid, dem Neid auf sozial schlechter Gestellte, mit seiner absurden Forderung nach einem „Solidaritätsprojekt für die deutsche Bevölkerung“als erster Politiker der etablierten Parteien Rechnung getragen: eine solche materielle Entschädigung ist genau das, was der passive Bürger vom politischen Establishment jetzt erwartet.


Christian Rohlfs: "Der Bürger" (1922)

Es scheint – und das ist eine sehr bittere Diagnose – zum momentanen Zeitpunkt fast unumgänglich, zumindest teilweise auf diese unbewusste Forderung eines nicht geringen Teils der Bevölkerung einzugehen, wenn man mittelfristig Schlimmeres verhüten will. Autoritäre Strukturen sind aber kein wirksames Gegenmittel gegen substanzlosen Sozialneid und ein diffuses kulturelles Unbehagen. Langfristig wirkungsvoller wäre ein bewusster Paradigmenwechsel innerhalb der Gesellschaft, der schon bei der liebevollen Kindererziehung ansetzt und eigenständige, selbstverantwortliche, empathische und aktive menschlichen Individuen zum Ziel hat, die in der Lage sind, sich den vielfältigen Herausforderungen des Lebens mit wachen Sinnen, menschlichem Mitgefühl und klarsichtigem Entscheidungsvermögen zu stellen. Um eine solche Veränderung der vorherrschenden Mentalität zu erreichen, braucht es vermutlich einige Generationen, deshalb sollten wir jetzt damit beginnen, die Voraussetzungen dafür zu legen.


Mittwoch, 2. März 2016

Was man sagen darf

Ein auf seiner konkreten Bedeutungsebene kaum zu ertragender Kommentar des Hauptangeklagten im Prozess vor dem Landgericht Hannover über den Brandanschlag auf ein von Asylbewerbern bewohntes Haus in Salzhemmendorf, den der Beschuldigte Zeugen zufolge noch in der Tatnacht des 28. August letzten Jahres in stark alkoholisiertem Zustand abgegeben haben soll, sagt sehr viel über sein gestörtes Verhältnis zur Realität aus: "Wenn der Neger brennt, feiere ich richtig." Es ist eine Art von Aussage, die man allenfalls einem in seiner geistigen und emotionalen Entwicklung stark zurückgebliebenen, vermutlich minderjährigen gewohnheitsmäßigen Konsumenten von Horrorvideos und gewalttätigen Computerspielen zutraut, der noch nicht gelernt hat, dass man sich an einer heißen Herdplatte tatsächlich die Finger verbrennen kann und „Game Over“ im wahren Leben bedeutet, dass man zumindest im materialistischen Sinne in Zukunft kein höheres Level mehr erreichen wird. Es ist die rohe Weltsicht eines sozial und moralisch isolierten, vermutlich ungeliebten Menschen, der nicht weiß, dass konkrete Worte wie die von ihm gewählten auch eine konkrete Bedeutung  besitzen, für die er jenseits seiner eigenen beschränkten Vorstellungswelt weder Toleranz noch Verständnis erwarten darf. Da der Angeklagte seiner Ankündigung noch dazu unmittelbar eine Tat folgen ließ, die dem Wortsinn vollkommen entspricht – zum Glück ohne den gewünschten Effekt – wäre es fatal, seine Aussage allzu leicht zu nehmen.
 
Ausgebrannte Flüchtlingsunterkunft in Trassenheide 2015/Foto: Schneffe

Aus dem klassischen amerikanischen Cartoon der 1930er und 40er Jahre kennen wir zahlreiche haarsträubende Situationen, die extreme aufeinanderprallende Positionen durch das Mittel stetig gesteigerter Übertreibung höchst wirkungsvoll ad absurdum führen. Hier ist es durchaus an der Tagesordnung, dass der eindimensionale, meist Tieren nachempfundene Protagonist in einen Canyon fällt und nicht mehr als eine pochende Beule davonträgt oder von einer Dampfwalze überrollt wird und dennoch in der nächsten Szene wieder zu einer vollständigen Person aufklappt, die ihren sinnlos-cholerischen Kleinkrieg wider besseres Wissen mit unverminderter Härte fortsetzt. Das durch die gezielte Überzeichnung im Zuschauer ausgelöste ungläubige Lachen ist ein geeignetes Mittel, den unversöhnlichen Hass zwischen Tom und Jerry oder Kojote und Roadrunner zu vergegenwärtigen. Es scheint vollkommen verfehlt, hier von gewaltverherrlichenden Tendenzen zu sprechen. Kein Zuschauer würde ernsthaft auf die Idee kommen, selbst in den Canyon zu springen oder sich überrollen zu lassen – es gehört keine große Transferleistung dazu, zu wissen, dass jedes einzelne dieser Unternehmen für einen gewöhnlichen Menschen tödlich enden muss. Auch die kulturelle Leistung, Worte in Bilder und/oder konkrete Bedeutung zu übersetzen, scheint für einen einigermaßen vernunftbegabten und halbwegs empathischen Menschen durchaus umsetzbar. Um die Aussage des Angeklagten abzulehnen, muss man nicht selbst schon einmal angezündet worden sein, es genügt ein Mindestmaß an Verstand und Mitgefühl.

Dennoch scheint es uns möglicherweise gerade wegen unseres ausgeprägten kulturellen Abstraktionsvermögens derzeit so schwerzufallen, gewisse extreme Positionen, die in unserer Gesellschaft kursieren, im vollen Wortsinn ernst zu nehmen: die von ihnen ausgelöste Irritation widerspricht zu sehr unserem Realitätssinn und erinnert uns unterschwellig zu sehr an die absurden Manifestationen einer satirischen Weltsicht, wie wir sie aus künstlerischen Vergegenwärtigungen historischer Ereignisse in Literatur, Film und Theater kennen. Für einen aufgeklärten modernen Menschen scheint es nahezu unmöglich, eine Ansammlung von nationalchauvinistischen und reaktionären Ansichten, wie sie im offiziellen Parteiprogramm der AfD in vermeintlich realsatirischer Reinform zuhauf vorkommen, als Parteiprogramm ernst zu nehmen, aber genau das sollten wir tun, denn es ist das, was diese Karikatur einer modernen Partei in der Realität umsetzen möchte, sofern es ihr gelingen sollte, die politische Macht zu erringen. Manch unzufriedener arbeitsloser Wutbürger, der die AfD wählt, weil die „was gegen Flüchtlinge tut“, wird sich dann nämlich wundern, wenn er sich plötzlich dreißig Stunden in der Woche zur obligatorischen „Gemeinschaftsarbeit“ einfinden muss. Die vielbeschworene Worthülse „Man wird doch mal sagen dürfen“ dient meistens nur als Testballon, um die Reaktion seines jeweiligen Gegenübers auszuloten. Von diesem Punkt aus wird die Grenze des Zumutbaren dann kontinuierlich weiter ins Irrationale verschoben, bis es uns buchstäblich zu eng wird. Lachen als Abgrenzung ist hier der falsche Weg, stattdessen sollten wir hellhörig werden: Solche Leute meinen immer, was sie sagen – für Spontaneität fehlt ihnen die Leichtigkeit.


Brandanschlag Solingen 1993/Foto: Sir James

Aus allen öffentlich zugänglichen schriftlichen und mündlichen Äußerungen von AfD-Funktionären wird eines deutlich: Die AfD will sämtliche Uhren in unserer Gesellschaft zurückdrehen zu einer lang überwunden geglaubten Zeit, von der selbst diejenigen, die sie noch erlebt haben, nicht überzeugend behaupten können, dass sie besser gewesen sei als die heutige. Nebenbei bemerkt: natürlich gibt es Parteien am äußersten rechten Rand der Gesellschaft, die noch extremere Positionen vertreten als die AfD. Dafür genießen sie aber auch deutlich weniger Rückhalt in der Bevölkerung. Absurderweise schwebt ausgerechnet über der unwesentlich weniger militanten dieser beiden Parteien aktuell ein Verbotsverfahren, das zwar von vielen begrüßt wird, jedoch Experten zufolge mittelfristig mehr Schaden als Nutzen anrichten könnte, da eine noch stärkere Radikalisierung des betroffenen Personenkreises bis hin zu rechtsextremistischem Terror zu befürchten stehe. Das Mittel des Verbotes sollte in einer pluralistischen Gesellschaft ohnehin keinen Platz haben: Verbot ist immer das unzulängliche Mittel der Anhänger totalitaristischer Ideologien, mit dem sie ihren beschränkten Horizont zu schützen versuchen – wir sollten es nicht zu unserem machen. Es ist zwar legitim, von einer Gesellschaft zu träumen, in der nationalistisches und völkisches Gedankengut keinen Platz haben, doch realistisch ist dieser Traum nicht. Als vitale pluralistische Gesellschaft sollten wir dennoch darauf vertrauen, dass unsere dem Leben zugewandte Weltanschauung alle Widerstände aus sich selbst heraus zu überwinden vermag.