Jerusalem

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Samstag, 2. Februar 2013

„Moabiter Sonette“ von Albrecht Haushofer


Siebzehn Tage vor Kriegsende, in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945, einen Tag bevor sich der Belagerungsring der russischen Armee endgültig um Berlin schloss, wurde eine von der Gestapo gezielt ausgewählte Gruppe siebzehn sogenannter „politischer Häftlinge“, fast ausnahmslos Beteiligte oder Mitwisser des misslungenen Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944, bei einer vorgeblichen Überführung vom Zellengefängnis „Moabit“ zum nahe gelegenen SD-Hauptamt auf einem weitläufigen Trümmerfeld nahe des Potsdamer Bahnhofs von einem Trupp der SS mit besonderer Heimtücke ermordet, die Leichen einfach an Ort und Stelle liegengelassen.

Wie durch ein Wunder überlebte einer der unglücklichen Häftlinge das Blutbad und konnte so Wochen später Vetreter der siegreichen alliierten Truppen zum Tatort führen, so dass die sterblichen Überreste sämtlicher Opfer zweifelsfrei identifiziert und standesgemäß bestattet werden konnten. Zu den prominentesten Ermordeten gehörte auch der 1903 in München geborene Geograph, Schriftsteller und Diplomat Albrecht Haushofer, in dessen Manteltasche sich, auf fünf eng beschriebenen, blutdurchtränkten DIN-A-4-Seiten, ein beeindruckendes literarisches Vermächtnis von achtzig Sonetten in streng-gereimterer klassischer Form fand, das ohne Zweifel zu den aufrüttelndsten lyrischen Dokumenten des Widerstands gegen das NS-Regimes gezählt werden muss.



Jetzt ist im Rahmen der dringend wiederzuentdeckenden kleinen Kostbarkeiten der Weltliteratur gewidmeten kleinen Reihe textura im Münchener Beck-Verlag eine wunderbare Neuausgabe letzter Hand der „Moabiter Sonette“ mit einem ebenso kenntnisreichen wie erhellenden Kommentar von Ursula Laack erschienen, die diesem einzigartigen Dokument poetischer Weltdurchdringung endlich auch eine buchkünstlerisch ansprechende Form verleiht. Allein die Entstehungs- und Editionsgeschichte dieser achtzig Sonette von beeindruckender Intensität und Strahlkraft ist so voller erzählenswerter Geschichten, dass es mitunter schwer fällt, sich wieder auf den Text zu besinnen, dessen reiches assoziatives Umfeld nicht nur im metaphorischen Sinne weit über die Erfahrung der unschuldigen Haft hinausweist:

Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt,
Ist unter Mauerwerk und Eisengittern
Ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern,
Das andrer Seelen tiefe Not enthüllt.

Ich bin der erste nicht in diesem Raum,
In dessen Handgelenk die Fessel schneidet,
An dessen Gram sich fremder Wille weidet.

Der Schlaf wird Wachen wie das Wachen Traum.
Indem ich lausche, spür ich durch die Wände
Das Beben vieler brüderlicher Hände.

Aus heutigem Blickwinkel erscheint Albrecht Haushofer eher als widersprüchlich-gebrochene Persönlichkeit: ausgegrenzt als „Vierteljude“ aufgrund der verblendeten Rassen-Terminologie des Nationalsozialismus, konnte er ausgerechnet durch die Protektion von Rudolf Hess, einem ehemaligen Studenten seines Vaters, nicht nur als odentlicher Professor für Geographie an der Berliner Universität Karriere machen, sondern wurde bis zu seiner endültigen Desillusionierung Ende der 30er Jahre darüber hinaus auch mit Zahlreichen diplomatischen Aufgaben für das Außenministerium Ribbentrops betraut. Sein Vater Karl Haushofer (1869-1946) gilt als einer der Begründer der Geopolitik, der auf naive Art und Weise, wenn auch ohne es zu wollen, Hitlers hegemoniale Großmachtsfantasien wissenschaftlich befeuerte:

Für meinen Vater war das Los gesprochen.
Es lag einmal in seines Willens Kraft,
den Dämon heimzustossen in die Haft.

Mein Vater hat das Siegel aufgebrochen.
Den Hauch des Bösen hat er nicht gesehn.
Den Dämon ließ er in die Welt entwehn.

Obwohl er sich der aktiven Verfehlungen und Unterlassungssünden seines Vaters schon sehr frühzeitig nur allzu bewusst war, hat Albrecht Haushofer noch lange die idealistisch-motivierte Illusion gehegt, er selber könne, indem er in verantwortungsvoller Position im System der Nationalsozialisten Einfluss zu nehmen versuche, möglicherweise Schlimmeres verhindern. Schon im März 1933 schrieb er an seine Mutter:

Der einzige Trost ist ein sehr negativer – nämlich die Überzeugung, dass wir einer so grossen allgemeinen Katastrophe entgegengehen, dass es auf die persönliche bald nicht mehr ankommen wird.

Spätestens jedoch die Erfahrung rücksichtslos-entfesselter brutaler Gewalt während der unseligen Pogromnacht vom 9. November 1938, die Haushofer als unmittelbare Reaktion der Machthaber auf die während der Münchener Konferenz wegen der nachlässig-unentschlossenen Haltung Großbritanniens unerfüllt gebliebenen sofortigen Kriegshoffnungen beurteilte, ließ ihn die Vergeblichkeit seiner Bemühungen engültig erkennen. Ribbentrop selbst hatte eines seiner letzten Dossiers über eine Mission in London mit dem Kommentar „Secret-Service-Propaganda“ quittiert.

Nach Rudolf Heß' rätselhaftem Englandflug am 10. Mai 1941 wurde Haushofer für mehrere Wochen interniert, da man ihn (nicht völlig zu Unrecht) verdächtigte, an den Vorbereitungen beteiligt gewesen zu sein. Und nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler im Sommer 1944 verhaftete ihn die Gestapo in der Bergeinsamkeit seiner seit Kindheitstagen geliebten, bereits seit Generationen in Familienbesitz befindlichen Partnachalm bei Garmisch-Partenkirchen, auf die er auch in einem seiner „Moabiter Sonette“ wehmütig zurückblickt.

Man hat mich über meine Flucht befragt,
Warum ich nicht den Weg zum Rhein genommen,
Zur nahen Schweiz den jungen Strom durchschwommen,
Bevor man gründlich erst nach mir gejagt.

Ich wollte nicht aus meiner Heimat gehn.
Sie schien mir lange guten Schutz zu gönnen.
Dann hat auch sie mich nicht mehr bergen können.
Ich werde lebend kaum sie wiedersehn.

In der zwangsweisen, klösterlich nach innen gekehrten Isolation der Gefängnishaft vollzieht sich eine beeindruckende geistige und spirituelle Vervollkommnung der Persönlichkeit Haushofers. Seine „Moabiter Sonette“ offenbaren eine ebenso intensive wie schonungslose Selbstanalyse sowie eine weitreichende philosophische und politische Durchdringung der Realität mit allen Mitteln der Poesie. Sie sind nicht nur die hellwach-gefasste Bilanz eines von zahlreichen Irrtümern geprägten und dem Ideal einer zu schaffenden Einheit von Lebensrealität, Kunst und Politik gewidmeten Lebens, sondern auch Ausdruck der geistigen Überwindung der beklagenswerten politischen und gesellschaftlichen Umstände.

Die einzelnen Sonette sind untereinander durch eine geradezu traumwandlerisch-leichte, von zahlreichen nur scheinbar unbewussten Assoziationen geleiteten, reichhaltigen Kette von Einzelmotiven aufs engste miteinander verbunden. Wie wir heute wissen, kursierten einzelne Sonette auch unter Haushofers Mitgefangenen, gaben diese nicht nur Hoffnung und geistige Beschäftigung in der jeweiligen Zelleneinsamkeit, sondern zweifellos auch das Gefühl einer gemeinsamen Identität als unrechtmäßig Verfolgte: Solidarität. Den sicher erwarteten Tod gelingt es Haushofer am Ende seines Manuskripts sogar zu umarmen und das Motiv der gebundenen Hand zu einem der Hoffnung zu verwandeln:

Dann weiss ich, aus dem Träumen aufgestört,
Wie einer fühlt in seinen letzten Stunden,
Der, an ein ruderloses Boot gebunden,

Den Fall des Niagara tosen hört.
Die Wasser schlagen an des Bootes Rand.
Sie strömen rasch. Gebunden – ist die Hand.

Dass ein System der Despotie lediglich den Körper zu knechten vermag, während der Geist frei bleibt, erscheint als wesentliche künstlerische Aussage angesichts der unvorstellbaren Grausamkeiten, die der Nationalsozialismus zu verantworten hat, beinahe schon trivial. Doch die Tatsache, dass diese achtzig handwerklich perfekten Sonette von unbezwingbar scheinendem Widerstandsgeist und unbestreitbarer moralischer Lauterkeit blutbefleckt in der Tasche eines unschuldig Ermordeten gefunden wurden und bis heute vernommen werden können, scheint diese hoffnungsvolle Einschätzung nicht nur zu bekräftigen, sondern auf möglicherweise zukunftsweisende Art und Weise sogar zu beweisen.

„Moabiter Sonette“, erschienen bei C.H. Beck, 128 Seiten, € 16,95

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