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Samstag, 18. November 2017

Mit Hans Raimund zu Virgilio Giotti und den Quellen der Begeisterung


Zu den erfreulichsten Ereignissen während meiner zehnjährigen Rezensionstätigkeit für die Jüdische Zeitung, die Jüdische Rundschau sowie zuletzt im Rahmen meines Blogs gehörten jene seltenen, überraschenden Gelegenheiten, wenn mir bis dahin völlig fremde Menschen unverhofft Kontakt mit mir aufnahmen, um sich ganz uneigennützig dafür zu bedanken, dass ich das von ihnen verfasste, übersetzte, verlegte oder betreute Werk ihrer Meinung nach besonders treffend charakterisiert, beschrieben bzw. entsprechend gewürdigt hatte. 

Da ich bis auf wenige Ausnahmen, in denen mir von Redaktionsseite her aus den unterschiedlichsten Gründen bestimmte Bücher vorgegeben wurden, immer nur jene Werke besprochen habe, die ich für besonders lesenswert hielt, kam zu der grundsätzlichen Ur-Freude, die ich ohnehin beim Lesen, Analysieren und Besprechen empfunden habe, eine mir bis dahin unbekannte, noch umfassendere Freude, die man etwas unbeholfen, aber durchaus zutreffend „Freude auf der ganzen Linie“ nennen könnte – oder wie es die große Fotokünstlerin Annie Leibovitz einmal ausdrückte: „I like to like people“. Hier aber eher: die Freude zweier Menschen über ein bestimmtes Werk, über dessen Kern sie einander begegnen können.

Zu den nachhaltigsten und erfreulichsten Kontakten dieser Art zählt ohne Zweifel der regelmäßige Austausch mit Professor Hans Raimund aus Wien/Hochstraß. Im Jahr 2013 begegnete mir in der Vorschau des Klagenfurter Drava-Verlags ein unscheinbares Buch eines mir bis dahin vollkommen unbekannten Autors namens Virgilio Giotti (1885-1957): „Pice note, mie note/Kleine Töne,meine Töne“ so der zweisprachige Titel in Triestiner Italienisch und deutscher Übersetzung. Ton und Themenkreis des in der Vorschau abgedruckten Gedichtbeispiels trafen mich gewissermaßen „direkt ins Herz“ und die Lektüre des umgehend angeforderten Presseexemplars bestätigten meinen Eindruck auf kaum für möglich gehaltene, umfassende und wunderbare Art und Weise. 




Kurze Zeit nach meiner begeisterten Rezension, in der ich festgestellt hatte, dass es hier einen zu Unrecht übersehenen und vergessenen Autor von unvergänglicher Universalität wiederzuentdecken gilt, meldete sich der kongeniale Übersetzer, Professor Hans Raimund, bei mir, um mir für die wohlwollende Besprechung zu danken und mir die komplizierte und von zahlreichen Frustrationen gekennzeichnete Editionsgeschichte des mir lieb gewonnenen kleinen Bandes zu erzählen, die ohne seinen jahrzehntelangen persönlichen Einsatz (auch seinen finanziellen), vor allem aber ohne seine genuine, nachhaltige Begeisterung für Virgilio Giotti und dessen unverkennbare eigenständige Poetologie niemals möglich gewesen wäre.  

Diese spannend-komplizierte, mir ja in Grundzügen bereits bekannte Editionsgeschichte erzählte Professor Hans Raimund im vergangenen Spätsommer erneut in einem Gedenkvortrag anlässlich des 60. Todestags Virgilio Giottis im Circolo della Stampa von Triest. Ich bin dem Übersetzer, Autor und Menschen Hans Raimund, der ja selbst auch ein virtuoser Lyriker ist, ausgesprochen dankbar, dass ich seinen Vortrag in italienischer und deutscher Sprache an dieser Stelle wiedergeben darf, weil er meiner Meinung nach sehr exemplarisch deutlich macht, mit welchen Freuden und Frustrationen es der Literaturschaffende innerhalb seines kreativen Prozesses zu tun hat, insbesondere aber auch im Verlauf des steinigen Wegs zur Veröffentlichung. In dieser Hinsicht lassen sich die Verdienste Professor Hans Raimunds für das Werk Virgilio Giottis kaum hoch genug bewerten! 

Hans Raimund: Traducendo e pubblicando Virgilio Giotti


Im Jahr 2013 erschien im Verlag Drava das Buch KLEINE TÖNE, MEINE TÖNE//PICE NOTE, MIE NOTE von Virgilio Giotti: ausgewählte Gedichte (zweisprachig) und das Tagebuch „Unnötige Notizen“. Die Übersetzung „aus dem Triestiner Italienisch ins Deutsche“ war von mir, wie auch das Vorwort.
   
Die Geschichte dieser Veröffentlichung ist sehr lang: zum einen ist sie die schöne Geschichte einer sich jahrzehntelang durch nichts beirren lassenden Zuneigung des Übersetzers zu den Gedichten und der Person des Triestiner Autors Giotti, zum andern aber auch die nicht so schöne Geschichte eines Projekts der Veröffentlichung von Lyrik in Übersetzung im Literaturbetrieb von heute.

Virgilio Giotti

 

Die schöne Geschichte


1984 übersiedelte ich mit meiner Familie nach Duino, wo Franziska, meine Frau, eine Stelle als Lehrerin für Deutsch und Französisch am United World College of the Adriatic angenommen hatte. Das ermöglichte mir die Verwirklichung eines lang gehegten Traums: den der Existenz eines „freien“ Autors und Übersetzers – noch dazu in Triest, in Italien! Ich hatte bis dahin ein paar dünne Prosa- und Gedichtbände veröffentlicht, hatte einiges aus dem Englischen und Französischen übersetzt und, mit einiger Kühnheit, sogar aus dem Italienischen, u.a.Texte von Sandro Penna und Primo Levi, ganz ohne Kenntnisse der italienischen Sprache, aber im - trügerischen - Vertrauen auf meine Schul-Kenntnisse des Lateinischen und Französischen – vor allem aber im Vertrauen auf die exzellenten Italienischkenntnisse meiner Frau…

In Duino hatte ich erstmals Gelegenheit, mich ganz dem Schreiben zu widmen: d.h. dem Verfassen eigener Texte und dem Übersetzen der Texte anderer Autoren. Damals begann ich auch – ich war schon 40 Jahre alt! –Italienisch zu lernen. Mein Lehrer war Augusto Debove, der am UWC Italienisch unterrichtete. Er lernte im Austausch bei mir Deutsch, und er war es dann auch, der später die meisten Übersetzungen meiner Texte ins Italienische anfertigte.

Im UWC in Duino traf ich auch mit dem Holländer Jan Louter zusammen, der am College Holländisch unterrichtete und als Lektor an der Universität in Triest arbeitete. Er hatte Texte Giottis ins Holländische übersetzt. Er machte mich mit dem Werk Virgilio Giottis bekannt und empfahl mir, unbedingt Gedichte dieses damals mir völlig unbekannten Dichters ins Deutsche zu übersetzen. Als er nach Holland zurückkehrte, schenkte er mir das von ihm gesammelte Material zu Giotti, vor allem Zeitungsausschnitte, und ein von ihm selbst liebevoll collagiertes Büchlein aus Fotokopien von Gedichten Giottis, das die erste Grundlage meiner Beschäftigung mit Giotti war und das ich, es in Ehren haltend, bis heute besitze…


Duino/Foto: Tiesse/Wikimedia


In Anbetracht meiner damaligen Italienischkennnisse, vor allem aber auch in Anbetracht des eigenwilligen Idioms, dessen sich Giotti für seine Poesie bedient, war ich anfangs darauf angewiesen, dass ein „native speaker“ für mich die in Giottis sehr persönlichem „triestino“ geschriebenen Texte in ein Normal-Italienisch übersetzt. Viviana Pace, aus Triest gebürtig und auch eine Italienischlehrerin am UWC, transkribierte für mich ausgewählte Texte Giottis.

Meine ersten Lektüre-Kontakte mit den Gedichten Giottis waren von nichts als von vagen Ahnungen bestimmt: so wie ein Blinder ein Gegenüber, das er nicht sehen kann – ein Gesicht, einen Gegenstand etc -  mit den Fingern abtastet, um ein inneres Bild, eine Vorstellung davon zu gewinnen, so tastete ich die Texte Giottis ab, mühsam buchstabierend, laut lesend, immer wieder ratlos und meistens verzweifelt. Zugute kam mir bei dieser somnambulen Beschäftigung mit den Texten eine mehrere Jahrzehnte, zu Zeiten manisch ausgeübte Leseaktivität und - routine, die es mir ermöglichte, die Qualität eines Texts schon bei einem ersten Kontakt zu erahnen, zu erraten, zu spüren, instinktiv, aber doch präzise einzuschätzen – eine Fähigkeit, die ich auch in einer jahrzehntelangen Tätigkeit als Rezensent für österreichische Zeitungen und Zeitschriften üben hatte können.

Mir gefielen die Gedichte Giottis von Anfang an, auch ohne dass ich die Texte lexikalisch oder gar viel von ihrer Aussage verstand. Sie waren mir aber trotz ihrer Unzugänglichkeit, ihrer Unverständlichkeit überraschend nah, vertraut, sympathisch: ich empfand spontan Sympathie für das ICH, das ich hinter den Texten vermutete, und ich baute derart nach und nach eine Beziehung zu diesem erahnten ICH auf, die sich zu einer Art von Liebesbeziehung auswuchs: ja, ich war dem Autor und seinen Gedichten in Liebe zugetan.


Hans Raimund

 
Das entbehrte jedoch nicht einer gewissen Fatalität. Denn eigensinnig von Natur aus, befasste ich mich mehrere Jahrzehnte lesend und übersetzend mit den Texten, nicht ununterbrochen, doch immer wieder - aber stets wie unter Zwang. Bemerkenswert ist, dass mir allein die Texte genügten. Ich vermied instinktiv eine mögliche Klärung der zahllosen sprachlichen und inhaltlichen Verständnisprobleme durch Befragung der Sekundärliteratur oder durch biografisches Material, das es zu und über Giotti auch schon in den 80er-Jahren gab.

Mich derart intensiv mit den Texten befassend, gelang mir, glaube ich, das rare Erlebnis des Einsseins, ja der Identität des Lesenden mit dem gelesenen Text. Ich benötigte, ja ich WOLLTE keine biografischen Informationen, keine detaillierten Textinterpretationen, keine Geschichte der Literatur von Triest etc., also keines der gängigen Hilfsmittel, die einem angeblich das Erfassen eines Textes ermöglichen oder erleichtern.

Ich beschränkte mich bewusst auf das bloße Lesen der Texte – in der in der EDIZIONI LINT TRIESTE 1986 erschienenen Ausgabe der OPERE/Colore – Altre Poesie –Prose -; unabdingbar für das Verstehen war aber schon die kontinuierliche Verwendung von Gianni Piguentinis NUOVO DIZIONARIO DEL DIALETTO TRIESTINO, mit dessen Hilfe ich die mir nicht in ein Normal-Italienisch transkribiert vorliegenden Gedichte Wort für Wort ins Deutsche übersetzte.

(Ich bekenne hier: trotz der langjährigen Beschäftigung mit Giottis Gedichten kann ich heute TRIESTINO weder sprechen noch wirklich verstehen, wenn ich es gesprochen höre. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich den Klang von TRIESTINO, das ja zumindest die Grundlage für Giottis eigentümliches Poesie-Idiom ist, als angenehm wohlklingend oder gar sympathisch empfinde…)


Triest/Foto: Zinn/Wikimedia


Was war aber dann, nach Überwindung der anfänglichen  Sprach-  und Verständnisprobleme, ausschlaggebend für meine zu konstatierende „amour fou“ für Giotti und seine Verse? Ich bin kein professioneller Übersetzer. Ich bin ein Autor, vor allem Lyriker, der AUCH übersetzt. Ich habe bisher selten „auf Auftrag“ übersetzt. Zumeist wählte ich Autoren zum Übersetzen aus, deren Texte mich beim Lesen faszinierten, vor allem weil sie so anders schrieben als ich, aber nur um dann beim Übersetzen nach und nach und zu meiner Überraschung Gemeinsamkeiten zwischen ihren und meinen Vorstellungen, vom dem, was Literatur ist oder sein soll, herauszufinden.So erging es mir auch mit Giotti. Ich finde meine Vorstellungen von dem, was für mich ein „gutes“ Gedicht ist, in vielen seiner Texte exemplarisch verwirklicht.

In einem Nachwort zu einer bibliophilen Veröffentlichung einiger meiner Texte im Jahr 2011schreibe ich unter dem Titel: IN DIFESA DEL TUONO UMILE: Io non sono capace di leggere (tanto meno di scrivere!) poesie che abbiano come oggetto preminente la vita spirituale degli uomini, la religione, l’esoterismo, in breve tutto ciò che trascende la fisicità materiale. (…) L’equipaggiamento del mondo poetico che io preferisco é il semplicemente fisico, l’ordinario quotidiano – agli occhi di alcuni, banali – nel quale per me c’é cosí tanto di vulnerabile, e c’é abbastanza di meraviglioso. Semplicitá, misura, ripiegamento dell’ individuale ecc. sono proprietá del testo alle quali, credo, vale la pena di tendere – Ecco: eine Poetik „en miniature“, MEINE Poetik, in der aber, ohne dass es mir bewusst war, anscheinend die jahrelange Beschäftigung mit der Lyrik Giottis programmatisch zum Tragen kommt, indem Merkmale seiner Poesie, ohne dass ich es gemerkt hatte, auch nun die meiner Poesie sind…
  
Ein Text – und es ist nur einer von vielen - , in dem Giottis Poetik für mich beispielhaft deutlich wird, ist das große, ambitionierte Gedicht DIE ALTEN, DIE DEN TOD ERWARTEN: das poetische Material ist ausschließlich die Wirklichkeit, der banale Alltag von alten Männern in einer Stadt am Meer und in einem nahen Hinterland: der poetische Diskurs ist von großer Gelassenheit, bleibt zur Gänze im physischen Bereich des Alltags-Lebens, kommt ganz ohne Metaphern, ohne jeden Verweis auf Metaphysisches oder Religiöses aus und versteigt sich in keiner Zeile zum „hohen Ton“; ein diskret im Hintergrund bleibendes lyrisches Ich enthält sich konsequent jeder Weisheitsgebärde, jedes Verweises auf die Erkenntnis eventueller schicksalhafter Zusammenhänge, jeglichen autoritären Moralisierens – ein Diskurs, der überraschend jäh und offen endet – ergebnislos und sich jeglicher summierend tröstenden Abrundung enthaltend -  derart im Leser – zumindest in mir – trotz  des tristen Ernstes des Sujets eine fröhliche Traurigkeit - oder traurige Fröhlichkeit - hervorrufend, die in eine lakonische Melancholie mündet….   


Virgilio Giotti


Die nicht so schöne Geschichte


Um 2006 bereitete ich – nach über 20 Jahren Arbeit an der Übersetzung - eine für den etwaigen Druck fertige Computer-Datei vor, bestehend aus den Gedichten im Original, aus meinen Übersetzungen ins Deutsche und der deutschen Übersetzung des Tagebuchs  APPUNTI INUTILI. Und 2006 begann die  Suche nach einem Verlag dafür – die erst  2012 ein Ende fand.

Kein Verlag, weder in Österreich noch in Deutschland, erklärte sich bereit, die Gedichte eines im deutschsprachigen Raum völlig unbekannten, schon toten Dichters aus dem Ausland in der Version eines unbekannten Übersetzers in sein Programm aufzunehmen, d.h. die Übersetzung zu honorieren, die Rechte für den Abdruck der Originale und die Übersetzungsrechte zu erwerben, die Kosten für die Produktion und die Öffentlichkeitsarbeit zu tragen etc. Nur der WIESER Verlag hatte sich sofort, allerdings chronisch vage wie immer, interessiert gezeigt und kündigte auch prompt von 2006 bis 2013 das Buch zwei Mal im Jahr in seinen Katalogen an.

2012 war ich mit meiner Geduld am Ende. Ich bot das druckfertige Material dem Drava Verlag an, von vornherein bereit, die Produktion des Buches selbst zu bezahlen. Ich WOLLTE – um jeden Preis! -, dass der Dichter Virgilio Giotti im deutschsprachigen Raum als ein bedeutender Autor zur Kenntnis genommen wird. Der Preis, den ich dafür bezahlte, war der Verzicht auf jegliches Honorar, auf jegliche Beteiligung am Ertrag der verkauften Exemplare und etwaiger Nebenrechte, und der Ankauf von 70 Exemplaren des gedruckten Werks zum Bruttoladenpreis von Euro 19,80.

Ich selbst habe seit Erscheinen des Buches zusätzlich ca. 100 Exemplare zum Autorenpreis angekauft und sie an Freunde, an für Lyrik Interessierte, vor allem aber auch an etwaige Multiplikatoren wie Zeitungen, Literaturzeitschriften, Bibliotheken, literarische Institutionen im In- und Ausland geschickt…, d.h. ich finanzierte nicht nur die Produktion, sondern auch die Öffentlichkeitsarbeit für das Buch.


Rilke-Pad, Duino/Foto: Tiesse/Wikimedia


Die Rezeption von "Kleine Töne, meine Töne"


Auch das ist wieder eine zum Teil schöne, zum Teil weniger schöne Geschichte. Ich hatte seit 1991 regelmäßig Übersetzungen von Gedichten Giottis und einen Aufsatz über ihn mehr als 20 Mal in deutschsprachigen Tageszeitungen, Literaturzeitschriften und Anthologien publiziert, vor allem in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG, in DiePRESSE etc. Als das Buch KLEINE TÖNE, MEINE TÖNE 2013 endlich erschien, wurde es zu meiner Überraschung im deutschsprachigen Raum und in Italien von der Kritik und von einem an Lyrik interessierten Publikum doch positiv zur Kenntnis genommen.

Rezensionen des Buchs gab es u.a. in der Wiener Stadtzeitung AUGUSTIN, in der WIENER ZEITUNG, in der italienischen Zeitschrift POESIA, in Literatur-BLOGS im Internet, wie z.B. in PSYCHOSEMITISCHER BÜCHERBLOG, FRAU IM FRIAUL, im ONLINE MAGAZIN CULTMAG… Am 14. 7. 2013 wurde das Buch beim MITTELFEST in Cividale präsentiert. Am 14.9. 2013 wurden im Rahmen der Sendung NACHTBILDER- POESIE UND MUSIK in Radio Österreich1 Texte aus dem Buch gelesen. Am 4. 11. 2013 stellte ich das Buch in Wien in der ALTEN SCHMIEDE vor, im Rahmen einer „Stunde der literarischen Erleuchtung“, bei der Mara Quarantotto, die Urenkelin Giottis, die Texte im Original las…
  
Einige Gedichte in meiner Übersetzung fanden vor kurzem Verwendung in Maria Valentina Kravanjas umfangreicher Dissertation über „DIE MALEREI DER ZWISCHENKRIEGSZEIT IN TRIEST“, die 2016 im Verlag Leykam in Graz erschien. Angeregt durch Frau Kravanja, die, von der Familie her, eng verbunden mit Triest ist, schickte ich vor kurzem Exemplare des Buchs an eine stattliche Anzahl von Triestiner Institutionen und Kulturschaffenden. Ich erhielt bisher von NIEMANDEM eine Antwort. Das überrascht mich nicht, hatte ich doch schon bald nach Erscheinen des Buchs 2013 viele Exemplare an diverse, mir wichtig erscheinende Adressen in Triest geschickt – und wurde, mit Ausnahme von Prof. Claudio Magris, der das Buch und die Übersetzung lobte - wird er doch auf dem hinteren Umschlag zitiert - nicht einer (1) Antwort oder Reaktion gewürdigt. 

 
Antiquariat/Foto: Warburg/Wikipedia

 
In der Zeitung IL PICCOLO gab es dann doch einmal 2 knappe Besprechungen, in denen von einer Wiederentdeckung Giottis die Rede war im Zusammenhang mit den Übersetzungen ins Spanische und ins Deutsche. Eine liebevolle, detailliertere Besprechung erschien in der Zeitschrift PONTE ROSSO im April 2015 von Liliana Bamboschek, unter dem Titel „Leggere Giotti con gli altri occhi“…

Eine formelle Kenntnisnahme durch Triest, eine Präsentation oder eine Art von minimaler „promotion“ des Buchs durch die hiesigen Institutionen oder die „Literaturgewaltigen“ erfolgte bis  heute nicht. Das Buch ist bisher in keiner Buchhandlung in Triest lagernd oder gar ausgestellt gewesen, obwohl ich selbst Exemplare ausgeschickt habe, u.a. an die Buchhandlung MINERVA, an die Buchhandlung im Café SAN MARCO, an die Buchhandlung UMBERTO SABA etc…

Die eindruckvollste Manifestation des arroganten Desinteresses der Triestiner war aber mein Vorsprechen in dem schön altmodischen Antiquariat in der Altstadt von Triest, vor dessen Auslage mit Publikationen zu Triest ich seit jeher immer wieder fasziniert gestanden war. Meine Absicht war, dass es das Buch, meine(!) Übersetzung Giottis, in diesem Geschäft zu sehen, zu kaufen gab, „auf Lager war“.

Also suchte ich eines Tages das Geschäft auf, händigte „KLEINE TÖNE, MEINE TÖNE“, das Buch eifrig und aufgeregt anpreisend, mit klopfendem Herzen dem dort seit Jahren anwesenden, mir von Sehen her bekannten Verkäufer oder Besitzer aus, der mich allerdings höchst befremdet von Kopf bis Fuß maß und, das Bändchen mit Fingerspitzen widerwillig anfassend, ungehalten fragte: „Und was soll ich jetzt damit“? Mir war zum Weinen. Ich stammelte: „In die Auslage stellen…. oder wegschmeissen!“ Und mich auf dem Absatz umdrehend, verließ ich fluchtartig das Geschäft, auch in dem Bewusstsein, wieder einmal etwas „tipicamente triestino“ erlebt zu haben.


San Giovanni di Duino/Foto: Johann Jaritz/Wikimedia

Oft frage ich mich doch, warum ich mich jahrzehntelang – bis heute – für den Autor Virgilio Giotti, ohne Kosten und Mühen zu scheuen – bis zur bewussten Selbstschädigung (siehe oben) – ihm derart treu und solidarisch, eingesetzt habe. Ja, es ist schon so etwas wie eine „amour fou“ für den Dichter und den Menschen Giotti, der durch seine Texte und auch später dann durch seine Biografie für mich unerhört lebendig wurde: ja, es ist die Liebe zu dieser von so vielen Schicksalsschlägen getroffenen Person und zum Dichter, zu seiner Dichtkunst und Sprachkunst, die durch die Erfindung und Gestaltung eines eigenen künstlich kunstvollen, poetischen Idioms noch anziehender, reizvoller, herausfordernder wurde, das aber auch das Übersetzen von Lyrik noch problematischer macht, als es ohnehin schon ist
.
Wie ich im Vorwort des Buchs feststelle, verzichte ich wohlweislich darauf, für Giottis dialektales poetisches Idiom ein entsprechendes dialektales Idiom aus dem deutschen Sprachraum zu verwenden, allzu unterschiedlich sind die Mentalitäten, die in den Dialekten zum unverwechselbaren Klang werden. Ich fand mein Auslangen, nach einigen Versuchen mit dem Wiener Dialekt, mit der Verwendung eines zeitlosen umgangssprachlichen Idioms der deutschen Sprache.

Wenn mir derart ein „TON“ gelang, der ungefähr dem Ton des Originals nahe kommt oder zumindest als TON der deutschen Version „ins Ohr geht“, wohlklingend ist, dann bin ich schon froh. Im Vordergrund stand für mich, wie bei allen Übersetzungen von Poesie von mir, der Ratschlag des großen tschechischen Dichters Vladimir Holan, den er dem Übersetzer seiner Gedichte, Franz Wurm gab: „Seien Sie so wörtlich wie möglich und nehmen Sie sich jede Freiheit, die Sie brauchen, aber machen Sie daraus ein gutes deutsches Gedicht.“   

Vielleicht aber ist die Ursache für die „idée fixe“, zu der Giotti und sein Werk für mich im Laufe der Jahre wurde, schlicht und einfach das unbewußte Verlangen, durch den selbstlosen Dienst am Werk Giottis, d.h. durch das Übersetzen seiner Texte, mir endlich die Gunst und, wenn schon nicht die Anerkennung, so wenigstens die Kenntnisnahme dieser für mich unzugänglichen, seltsam abweisenden, so verletzend desinteressierten Stadt zu verschaffen, an deren Rand, in Duino, eben en marge, ich 13 Jahre – so gern! - gelebt habe.
  
Hochstrass, im August 2017

Dienstag, 14. Juli 2015

„Auf einem Teppich aus Luft“ von Hans Raimund


Es gibt nicht nur in literarischer Hinsicht kaum eine lohnendere Perspektive auf das scheinbar gewöhnliche Alltägliche als die des zu ehrlichem menschlichen Mitgefühl fähigen, kritischen Randständigen oder vorurteilsfreien Außenstehenden. In einer hochgradig unbewussten, affektgesteuerten Gesellschaft, die dem Einzelnen fast täglich auf geradezu zwanghafte Art und Weise die ohnmächtige Unterwerfung unter einen abstrakten, unausgesprochenen staatsbürgerlichen Konsens abverlangt und ihn so zunehmend in eine ebenso unbewusste, ganz und gar unversöhnliche negative Abgrenzung treibt, droht die heilsam-bereichernde Position des unabhängigen Beobachters, der die zahlreichen wohlfeilen und nützlichen Konventionen des unnötigen und falschen Konsens zu ignorieren wagt, gänzlich erdrückt und er selbst zum Außenseiter abgestempelt zu werden, obwohl wir seiner Sichtweise am dringendsten bedürfen.



Der hochentwickelte Buchmarkt in Deutschland hat zwei segensreiche Werkzeuge hervorgebracht, um die im Handel schwer verkäufliche, aber umso wesentlichere Position des randständigen, unabhängigen Künstlers wirksam zu fördern und zu stützen: erstens, die vom Gesetzgeber offiziell sanktionierte Buchpreisbindung, die den Buchverlagen feste Preise für ihre hart kalkulierten, ästhetisch schönen Produkte garantiert und den in der freien Wirtschaft möglichen und üblichen Preisverfall des „Kulturguts Buch“ nachhaltig unterbindet sowie, zweitens, die sogenannte Mischkalkulation der ambitionierteren Verlagshäuser, mit deren Hilfe Bestsellererlöse die Pflege der schöngeistigen Literatur, insbesondere der schwer verkäuflichen Lyrik, des Essays oder der experimentellen Literatur effektiv mitfinanzieren. Trotzdem ist es in den letzten Jahren immer schwieriger geworden, unabhängige literarische Stimmen zu vernehmen, denn auch die renommiertesten Literaturverlage sind angesichts kontinuierlich rückläufiger Buchabsätze auf ihr ungeliebtes Dasein als Wirtschaftsunternehmen zurückgeworfen worden.


89 WAR ER
Hatte Diabetes
Und ein ProstataGe
Schwür (inoperabel)

Sagt er noch   vor allen
Im Café   zu einer
Langjährigen Freundin:
Nie im Leben werde

Er mit ihrem Freund   dem
Juden da   an einen
Tisch sich setzen … hoffe

Auch   dann nach dem Tode
Möglichst weit entfernt von
Ihm   im Grab zu liegen


Da ein Paradigmenwechsel zugunsten eines neuen privaten und/oder Wirtschaftsmäzenatentums nach amerikanischem Vorbild hierzulande noch nicht stattgefunden hat, es auch vor allem aufgrund der in Deutschland weit verbreiteten Auffassung mittelfristig schwer haben wird sich durchzusetzen: nämlich dass für so etwas der angeblich „unabhängige“ Staat zuständig sei (wieso eigentlich ausgerechnet der?), darf es nicht nur für die österreichische, sondern auch für die deutschsprachige Literatur insgesamt als echter Glücksfall betrachtet werden, dass sowohl die Bundesregierung Österreichs als auch die einzelnen Bundesländer seit vielen Jahren ein wirkungsvolles Fördersystem für unabhängige Verlage etabliert haben, das mit Hilfe von objektiv einsehbaren, fest gestaffelten Subventionen einen erheblichen Kostendruck von den Verlagen nimmt und sie in die begrüßenswerte, komfortable Lage versetzt, auch solche Literatur ohne unwägbares wirtschaftliches Risiko zu veröffentlichen, deren kommerzielle Erfolgsaussichten auf den ersten Blick eher bescheiden scheinen.

Wir wünschen    was wir nicht haben
Was wir haben   wünschen wir nicht
Sobald wir haben   was wir wünschen   erlischt der Wunsch
Jede Erfüllung eines Wunsches ist ein Erkalten
Jede Erfüllung eines Wunsches ist ein Entleeren
Nur unerfüllbare Wünsche erfüllen uns
Nur unerfüllbare Wünsche wärmen uns

Zum Glück jedoch täuscht der kleinliche und beschränkte Blick des Kommerzbuchhalters mit seinen zahlreichen grüblerischen Bedenken oft genug: das wunderbare, vor nicht allzu langer Zeit mit Hilfe von Subventionen des Kanzleramts und weiteren Mitteln der Kunstförderung des Burgenlandes unter dem Titel „Auf einem Teppich aus Luft/On a carpet made of air“ zweisprachig in der edition lex liszt 12 in Oberwart erschienene bisherige poetische Lebenswerk des vielfach ausgezeichneten Wiener Schriftstellers, Dichters und Übersetzers Hans Raimund (geboren 1945) liegt mittlerweile bereits in einer zweiten Auflage vor und darf somit als besonders schönes und geglücktes Beispiel dafür gelten, wie gute, wesentliche Literatur schwerelos-zielsicher dennoch zu seinem verdienten Publikum findet, wenn man es wagt, sich aktiv dafür einzusetzen.

Am Rand der Welt: Wegweiser in Duino

Hans Raimund, geboren in Petzelsdorf in Niederösterreich, aufgewachsen in Wien und nach einem langjährigen Intermezzo im norditalienischen Duino heute mit Zweitwohnsitz in Hochstraß im Burgenland ist nicht nur ein genuiner und hoch origineller Schriftsteller und Lyriker, dessen persönliche literarische (und biografische) Position der Essayist Karl-Markus Gauß in seinem lesenswerten Vorwort zutreffend als grundsätzlich randständig beschreibt, sondern als respektables Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste auch ein wunderbarer, engagierter und kommunikativer Mensch, der sich nicht nur mit seiner ganzen persönlichen Integrität, sondern mitunter sogar mit seinen privaten Mitteln für die Werke anderer Schriftsteller einsetzt: so finanzierte er zuletzt die spektakuläre Erstveröffentlichung der im Triester Dialekt verfassten und von ihm selbst kongenial ins Deutsche übersetzten Gedichte des in Italien bis heute zu Recht verehrten Dichters Virgilio Giotti wesentlich mit.



DU BIST WIE EINE ROSE...“
Hab einmal mich gemüht   dich samt
Den Wurzeln aus dem Boden auszureißen
Doch drinnen tief   warst du ein umgekehrter Baum


Hans Raimunds langjähriges unermüdliches Engagement als aktiver Teilnehmer an internationalen Literaturübersetzerworkshops ermöglichte es ihm auch, seine gesammelte Lyrik von renommierten befreundeten Übersetzern ins Englische übersetzen zu lassen – zweifellos ein ausgesprochen glücklicher Nebeneffekt seines menschlichen und künstlerischen Schaffens, der nicht nur die vorliegende Ausgabe ungemein bereichert, sondern auch der allgemeinen Verbreitung seines Werks ohne Zweifel ausgesprochen förderlich sein wird. Besonders charakteristisch für Raimunds literarischen Standpunkt, ist sein persönlicher Aufbruch in die Provinz. In der Metropole Wien als Sohn eines bis an sein Lebensende überzeugten Nazis aufgewachsen und bis Ende Dreißig fast ausschließlich dort lebend, übersiedelte er im Jahr 1984 für zwölf Jahre in die kleine Stadt Duino nahe Triest an der italienischen Adriaküste. Heute lebt er, trotz eines weiteren Wohnsitzes in Wien, fast ausschließlich im kleinen Dorf Hochstraß im Burgenland, nahe der ungarischen Grenze.


Riserva naturale delle Falesie di Duino

Hans Raimund ist einer, der das Metropolitane wie selbstverständlich kennt, sich während seiner ersten Lebenshälfte widerwillig darin bewegt hat, und es in dieser Zeit ebenso ausgiebig wie misstrauisch beobachtet, politisch ausgelotet und poetisch analysiert hat, um dann bewusst den Schritt in die Provinz zu wagen. Schon als Heranwachsender hatte er sich angesichts der unverbesserlichen politischen Haltung seines Vaters insgeheim gewünscht, dass die deutlichen orientalischen Gesichtszüge seiner Mutter heimlicher Ausdruck einer nur ihnen beiden gemeinsamen zigeunerischer Abstammung sein mögen: ein möglicher magischer Ausweg aus der eigenen Scham, zu der sein uneinsichtiger Vater lebenslang niemals fähig war. Abseits des „Bedeutenden“ und „Prächtigen“ und fern der abgeschmackten künstlichen Geschäftigkeit alles Etablierten wurde Raimund aber nicht zum unsteten Reisenden, wohl aber – am liebsten mit seinem jeweiligen Hund – zum ausdauernden Spaziergänger an seinen langfristigen Wohnorten.

FÜSSE GLEITEN   SCHLEIFEN
Tragen Leiber weg   von hier nach dort
Halten ein
                   Schreiten weiter
Durch die Räume
                                So behend
Der Pflanze Starre übersteigend

Bewegung ist zu spüren noch im Innehalten
Tief   bis in die Spitzen
                                          in des Lichtes Schraffen

Stet der Drang
Nie erlernte   seit jeher gekonnte Schritte
Zu gehen   von hier nach dort

[…]
Eins sind Tier und Pflanze

Nicht nur als kontemplativer Fußgänger, sondern ganz besonders auch in seiner Poesie hat Hans Raimund die wunderbare und nützliche Fähigkeit zu einer erstrebenswerten Kunstform vervollkommnet, an einmal besuchte Orte immer wieder zurückzukehren, mit diesen in einem lebendigen inneren und – wenn möglich – äußeren Dialog zu bleiben und auf diese Weise bis zum eigentlichen Kern ihres jeweiligen Wesens vorzustoßen: durch den so bewusst hervorgerufenen, ebenso andächtigen und genau beobachteten wie reflexiven Kreislauf des sich Näherns, Zurücktretens und Wiederherantretens entsteht eine ausgesprochen reizvolle, mehrdimensionale Perspektive, die durch die warmherzige, empathische und stets zur Versöhnung bereite Grundhaltung des Autors noch intensiviert wird. Raimunds Lyrik vermisst das Leben somit nicht nur mit den Mitteln des logischen Verstandes, sondern auch mit denen des (Mit-)Gefühls. In dieser Hinsicht ist Raimunds unverwechselbares Werk selbst noch im scheinbar Privaten immer auch politisch, indem es sich (aus verfeinerter menschlicher Einsicht) der herrschenden Auffassung verweigert, die Erscheinungsformen des inneren und äußeren Lebens isoliert und unverbunden zu betrachten.

Hans Raimund/Foto: Übersetzerwerkstatt Erlangen


In seinem aufschlussreichen Nachwort offenbart sich der Autor sogar in noch stärkerem Maße als in seiner Lyrik als politisch denkender Mensch, etwa wenn er über sein Scheitern schreibt, sich mit Hilfe der von ihm im Laufe der prägenden Wiener Jahre fest verinnerlichten Verweigerungshaltung vor den rigiden Anforderungen des System zu bewahren. Oder wenn er bekennt, dass er stets davor zurückgeschreckt sei „Erfahrungen, Erlebnisse, Ereignisse, Begegnungen, die wichtig für mich waren, bedenkenlos zu Literatur zu machen“. So müssen uns leider die lebendigen Schilderungen seiner intensiven „auf seltsame Weise symbiotischen Beziehung von mir und der Landschaft um Duino“ endgültig vorenthalten bleiben – eine unerhörte Poesie tatsächlich gelebter individueller Erfahrung, die allein dem Menschen Hans Raimund vorbehalten bleibt. „Ein Teppich aus Luft“ ist nicht nur eine wunderbare, verdiente Würdigung eines intensiven, bewusst gelebten Dichterlebens, das uns mit zahlreichen wertvollen Perspektiven beschenkt, sondern auch ein beherztes, aussagekräftiges Plädoyer für die unbedingte, vorbehaltlose Kunst- und Literaturförderung – von welcher Seite auch immer.