Jerusalem

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Freitag, 23. November 2012

„Israel ist nicht Europa“ - Ein Gespräch mit Robert Scheer


Während Robert Scheers Geschichten geradezu federleicht, beschwingt und geschliffen daherkommen, sich die tiefgreifende Doppelbödigkeit seiner Literatur eher durch Nebensätze, ungewöhnliche metaphorische Kontraste oder zwischen den Zeilen ins Bewusstsein des Lesers schleicht, erweist sich der Autor im Interview als messerscharfer Analytiker gesellschaftlicher Missstände und als Mann von klaren Worten und großer Urteilskraft. Bereits im Oktober konnte ich ihm einige Fragen zu den verschiedenen Themenkomplexen seines Buches stellen, die er sehr ausführlich und ausgesprochen originell beantwortet hat:

Onkel Sauberger, dessen Name allein schon eine Beleidigung für einen orthodoxen Juden ist, nimmt in Deinen Geschichten eine ausgesprochen autonome, lebensbejahende Position ein, in den zahlreichen ihn umgebenden Konflikten erscheint er geradezu als weiser erhabener Ruhepol. Ist der Verzehr von Schweinefleisch nur ein vorübergehender Trost oder die Antwort auf alle Fragen, die Erlösung?

Schweinefleisch ist etwas, das im Nahen Osten tief gehasst wird. Die Araber und Juden hassen beide das Schweinefleisch. Für meinen Vater – ein Jude, dessen Mutter in Auschwitz war – liebt nur Schweinefleisch. Für meinen Vater ist Schweinefleisch alles, wie auch für Onkel Sauberger das Schwein alles ist. Der Charakter Onkel Sauberger ist eine Mischung von meinem Vater und Shakespeares Falstaff. Onkel Sauberger mag gut essen und trinken, er genießt das Leben und dadurch ist er eine Art Gegenpol zu den Deutschen, die ein Problem haben, das Leben zu genießen. Kurzum: Onkel Sauberger ist nichts anderes als die Zukunft der Literatur. Vielleicht sogar der Deutschen, wer weiß.



Vielen Geschichten in Deinem Buch stellst Du als Motto utopistische Zitate aus den Werken Theodor Herzls voran, die aufgrund der von Dir beschriebenen Realität einen komisch-absurden Kontrapunkt liefern. Mit welchen Gedanken oder Gefühlen hast Du Theodor Herzl gelesen?

Theodor Herzl heisst eigentlich Herzl Tivadar und stammt aus Ungarn. Meine Muttersprache ist Ungarisch. Die meisten Dinge, die Herzl als realistisch in seiner Utopie empfand, sind heute nur lächerlich.

Das Lächerlichste daran ist, dass ein Mensch der österreichisch-ungarischen Monarchie ein jüdisches Österreich-Ungarn im Nahen Osten gründen wollte. Theodor Herzl dachte ernsthaft, dass die Araber die Juden lieben würden, wenn der Lebensstandard steigen wird. So ist es eben nicht geschehen. Die Araber betrachten die Juden nicht als Retter, sondern als diejenigen, die ihr Land geraubt haben. Herzl Tivadar war ein Kind seiner Zeit, eine Zeit, in der in Europa die Rasse und der Imperialismus eine große Rolle gespielt hatten.

Israel ist aber nicht Europa. Bis in den Achtzigern war Israel mehr oder weniger europäisch. Seitdem verliert in Israel das Europäische an Kraft. Israel ist nicht Europa. Israel ist seit den Achtzigern mehr und mehr nahöstlich geworden. Auch hier hatte Herzl unrecht: Israel ist kein Europa, kein Österreich-Ungarn, keine Monarchie, keine Aristokratie, leider nur noch wenig Demokratie.

Die Idee des Zionismus ist in der Zeit des europäischen Imperialismus entstanden und hat vielen verfolgten Juden im 20. Jahrhundert Hoffnung auf ein besseres Leben gegeben. Inwischen ist die Enttäuschung groß, viele zionistische Paradigmen mussten korrigiert werden, selbst der Versuch eines friedlichen Ausgleichs mit den Nachbarn scheint geradezu ausweglos. In einer Deiner Geschichten schreibst Du : „die Lösung besteht hier aus Konflikt“ und „Frieden scheint in diesem Teil der Welt ein unerreichbarer Traum zu sein“. Ist eine ironische Haltung die einzig mögliche in diesem Konflikt?

Nein, meine Haltung ist nicht ironisch, sondern realistisch. Ironie ist bloß das einzige Instrument in der Literatur, das nicht eindimensional ist. Deswegen benutze ich Ironie oft in meiner Kunst. Dennoch bin ich ein Realist. Und man muss den Konflikt im Nahen Osten realistisch betrachten.

Was heißt realistisch?

Realistisch heißt den Konflikt im Nahen Osten zu verstehen, und wenn wir den Konflikt verstehen wollen, sehen wir, dass der Frieden im Nahen Osten aus Konflikt besteht.

Was heißt das? Was heißt Frieden besteht aus Konflikt?

Diese Frage zu beantworten ist einfach. Alle reden über Frieden und meinen damit wirklich Konflikt. Also die Lösung des Konflikts im Nahen Osten besteht nicht aus Frieden, das Problem des Konflikts wird nicht gelöst, sondern wird weiter gehen. Es gibt keine Lösung und es wird keinen Frieden geben, keinen wirklichen Frieden. Wer noch an Frieden im Nahen Osten glaubt ist ein Träumer, nicht ein Realist. Wir wollen die Dinge aber realistisch in Augenschein nehmen.

Deswegen muss ich sagen: Konflikt ist in Israel Frieden und Frieden ist Konflikt. Diese Aussage ist, was man dialektisch nennt. Wenn man in Israel über Frieden redet, meint man Konflikt. Für alle Parteien im Nahen Osten, für Araber und Juden, scheint der Konflikt die Lösung zu sein. Über Frieden redet man, aber das Gerede über Frieden ist eine Täuschung. Im Nahen Osten will wirklich keiner Frieden. Je mehr man über Frieden redet, desto weniger will man Frieden. Und es wird immer wieder und immer wieder viel über Frieden geredet.

Im Nahen Osten sagt man eines und meinst damit das Gegenteil von dem was man sagt. Wenn man Frieden sagt, meint man Konflikt. Deswegen wird im Nahen Osten in der Zukunft statt Frieden doch Konflikt herrschen. Alle, fast all Beteiligten im Nahen Osten haben das größte Interesse an Konflikt und nicht an Frieden.

Wir müssen uns nur etwas Kleines merken: Wenn man über Frieden redet, redet man tatsächlich über das Bestehen des Konflikts. Das ist keine Ironie, sondern die Realität. 

Tel-Aviv ist heute auch für viele Deutsche ein interessantes Reiseziel, da man dort exzessiv feiern und wie im Rausch das Leben genießen kann. Worin besteht die Faszination von Tel-Aviv und wie würdest Du das dortige Lebensgefühl beschreiben?

Persönlich habe ich Tel-Aviv nie gemocht. Im Grunde ist Tel-Aviv eine hässliche Stadt, voll mit dummen Leuten. Es stimmt aber, dass in Tel-Aviv viel gefeiert wird. Dort lebt man so, als gebe es kein Morgen. Man will feiern, bis man nicht mehr kann, und am nächsten Tag fängt alles von vorne an.

In Tel Aviv gibt es keine Hemmungen, im Grunde ist dort alles das Gegenteil von Deutschland. Hier denkt man über Rente und Sparen nach, in Israel weiß man ja nicht, ob man morgen überhaupt leben wird. Die Gefahr, in der ein Israeli sich ständig befindet, wird mit Party-Exzessen regelrecht religiös gefeiert. Tel-Aviv ist zweifellos interessant, für mich aber nicht, denn ich kenne den Ort und die Leute. Es ist eine Orgie von Eskapismus und Heuchelei.

Übrigens: der beste Club in Tel-Aviv gehört meinem besten Freund. Er heisst „Breakfast Club“. Wenn jemand nach Israel will, sollte er unbedingt den Club meines Freundes besuchen. In meinem Buch beschreibe ich ausführlich meine Erfahrungen in Tel-Aviv und das Nachtleben dort.



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