Jerusalem

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Mittwoch, 22. Mai 2019

Verrat am Zuschauer?


Die derzeitige Diskussion um den vorgeblichen Verrat der Drehbuchautoren der Fernsehserie „Game of Thrones“ an ihren weiblichen Charakteren offenbart eine Art der Kunstrezeption, die ich nicht begreife. Was ist passiert? Frauengestalten, die sich im nicht weniger als acht Jahre währenden Verlauf der Serie zu starken, unabhängigen Persönlichkeiten entwickelt hatten, verhalten sich plötzlich wieder wie schwache, gehorsame, unentschlossene Vertreterinnen eines antiquierten Frauenbildes, das in unserer Welt als weitgehend überwunden gilt. Das kann man trotz des martialischen pseudo-mittelalterlichen Schauplatzes als ärgerlich empfinden, genauso wie man sich möglicherweise zuvor über ihre Emanzipation gefreut hat. 

Foto: Mark McCormick Photography/Wikimedia

Diese unangemessen starken positiven und negativen Reaktionen verraten letztendlich nur, dass wir es hier mit einer Projektion zu tun haben, dem bewegten Wunschbild, wie eine Frau sein sollte oder wie eben nicht. Das grundlegende Problem hierbei: man folgt mehr oder weniger gespannt einer Geschichte, weiß aber gleichzeitig, dass sie erdacht und geschrieben wurde, um ein möglichst großes Publikum zu unterhalten. 

Dass wir die Heldin einer spannenden Serie mit unseren eigenen Idealen und Wünschen vergleichen, spricht für die lebensnahe Qualität der Charakterzeichnung. Wir empfinden sie als echt. Dass wir aber dahinter den Autor und seine Intention erkennen wollen, hat natürlich mit dem fehlgeleiteten Literaturunterricht an unseren Schulen zu tun: Was will uns der Dichter damit sagen? Als ob ein Schriftsteller sich hinsetzte und dächte: so, jetzt will ich den Menschen etwas ganz Bestimmtes sagen, da schreibe ich am besten einen Roman oder eine Fernsehserie. 

Das ist ein Irrtum: wenn ich einem anderen Menschen etwas sagen will, schreibe ich am besten einen Essay oder ein Pamphlet oder einen Brief. Oder ich bitte ihn um eine persönliche Unterredung. Denn dann habe ich die größtmögliche Chance, von meinem Gegenüber gehört und verstanden zu werden. Wenn ein Schriftsteller die künstlerische Form wählt, heißt das in der Regel, dass er selbst noch nicht ganz verstanden hat, was das für eine Geschichte wird, die er da aus sich herauszieht. Es ist das Gefühl etwas sagen zu müssen, ohne zu wissen wie man das anders bewerkstelligen könnte als über die Form des Romans. Ich wage zu behaupten, es ist sogar besser, wenn der Dichter während des Schaffensprozesses nicht weiß, was er sagen will. Denn nur so können seine Protagonisten autonom bleiben, unbeeinflusst von seinem eigenen Wollen. 

George R.R. Martin/Foto: Wikimedia

Diese intuitive Art des Schreibens entspricht im Wesentlichen dem schriftstellerischen „Gärtnertum“, von dem George R.R. Martin, der Schöpfer der Buchvorlage zu „Game of Thrones“, spricht. Er wisse während des Schreibens noch nicht, wohin sich die Charaktere und Handlungsstränge entwickeln werden, so der Autor. Das allerdings wissen die Drehbuchautoren von „Game of Thrones“ ganz genau, die „Architekten“, die das Ende schon vor der eigentlichen Geschichte kennen.
Wenn man so arbeitet wie sie, dann können die Protagonisten letztendlich – und sogar von vornherein – nichts anderes sein als bloße Hüllen für Inhalte, mit denen ich als Autor Zuschauerwünsche befriedigen und Cliffhanger setzen kann. So ist es offenbar nun, am Ende von „Game of Thrones“ geschehen: die Charaktere der monumentalen Serie sind wie Luftballons mit Zuschauererwartungen gefüllt und zu guter Letzt wieder entleert worden, geplatzt möglicherweise sogar. 

Es scheint also offensichtlich: bei dem vorgeblichen Verrat an den weiblichen Charakteren handelt es sich in Wirklichkeit um einen Verrat an den Zuschauern. Der mit Abstand bescheidenste Anspruch, den Kunst haben kann, ist eine Geschichte zu erzählen. Wenn die Geschichte wahr ist, also nicht überladen mit dem Willen des Autors oder den Wünschen des Publikums, dann kann sie nur autonom beurteilt werden, ihre Charaktere nur als eigenständige Personen. Das Größte, was Kunst erreichen kann, ist, dass wir uns selbst, unsere belebte und unbelebte Umwelt sowie unsere Handlungen besser begreifen. Dann vergessen wir auch den Autor dahinter.

Samstag, 18. November 2017

Mit Hans Raimund zu Virgilio Giotti und den Quellen der Begeisterung


Zu den erfreulichsten Ereignissen während meiner zehnjährigen Rezensionstätigkeit für die Jüdische Zeitung, die Jüdische Rundschau sowie zuletzt im Rahmen meines Blogs gehörten jene seltenen, überraschenden Gelegenheiten, wenn mir bis dahin völlig fremde Menschen unverhofft Kontakt mit mir aufnahmen, um sich ganz uneigennützig dafür zu bedanken, dass ich das von ihnen verfasste, übersetzte, verlegte oder betreute Werk ihrer Meinung nach besonders treffend charakterisiert, beschrieben bzw. entsprechend gewürdigt hatte. 

Da ich bis auf wenige Ausnahmen, in denen mir von Redaktionsseite her aus den unterschiedlichsten Gründen bestimmte Bücher vorgegeben wurden, immer nur jene Werke besprochen habe, die ich für besonders lesenswert hielt, kam zu der grundsätzlichen Ur-Freude, die ich ohnehin beim Lesen, Analysieren und Besprechen empfunden habe, eine mir bis dahin unbekannte, noch umfassendere Freude, die man etwas unbeholfen, aber durchaus zutreffend „Freude auf der ganzen Linie“ nennen könnte – oder wie es die große Fotokünstlerin Annie Leibovitz einmal ausdrückte: „I like to like people“. Hier aber eher: die Freude zweier Menschen über ein bestimmtes Werk, über dessen Kern sie einander begegnen können.

Zu den nachhaltigsten und erfreulichsten Kontakten dieser Art zählt ohne Zweifel der regelmäßige Austausch mit Professor Hans Raimund aus Wien/Hochstraß. Im Jahr 2013 begegnete mir in der Vorschau des Klagenfurter Drava-Verlags ein unscheinbares Buch eines mir bis dahin vollkommen unbekannten Autors namens Virgilio Giotti (1885-1957): „Pice note, mie note/Kleine Töne,meine Töne“ so der zweisprachige Titel in Triestiner Italienisch und deutscher Übersetzung. Ton und Themenkreis des in der Vorschau abgedruckten Gedichtbeispiels trafen mich gewissermaßen „direkt ins Herz“ und die Lektüre des umgehend angeforderten Presseexemplars bestätigten meinen Eindruck auf kaum für möglich gehaltene, umfassende und wunderbare Art und Weise. 




Kurze Zeit nach meiner begeisterten Rezension, in der ich festgestellt hatte, dass es hier einen zu Unrecht übersehenen und vergessenen Autor von unvergänglicher Universalität wiederzuentdecken gilt, meldete sich der kongeniale Übersetzer, Professor Hans Raimund, bei mir, um mir für die wohlwollende Besprechung zu danken und mir die komplizierte und von zahlreichen Frustrationen gekennzeichnete Editionsgeschichte des mir lieb gewonnenen kleinen Bandes zu erzählen, die ohne seinen jahrzehntelangen persönlichen Einsatz (auch seinen finanziellen), vor allem aber ohne seine genuine, nachhaltige Begeisterung für Virgilio Giotti und dessen unverkennbare eigenständige Poetologie niemals möglich gewesen wäre.  

Diese spannend-komplizierte, mir ja in Grundzügen bereits bekannte Editionsgeschichte erzählte Professor Hans Raimund im vergangenen Spätsommer erneut in einem Gedenkvortrag anlässlich des 60. Todestags Virgilio Giottis im Circolo della Stampa von Triest. Ich bin dem Übersetzer, Autor und Menschen Hans Raimund, der ja selbst auch ein virtuoser Lyriker ist, ausgesprochen dankbar, dass ich seinen Vortrag in italienischer und deutscher Sprache an dieser Stelle wiedergeben darf, weil er meiner Meinung nach sehr exemplarisch deutlich macht, mit welchen Freuden und Frustrationen es der Literaturschaffende innerhalb seines kreativen Prozesses zu tun hat, insbesondere aber auch im Verlauf des steinigen Wegs zur Veröffentlichung. In dieser Hinsicht lassen sich die Verdienste Professor Hans Raimunds für das Werk Virgilio Giottis kaum hoch genug bewerten! 

Hans Raimund: Traducendo e pubblicando Virgilio Giotti


Im Jahr 2013 erschien im Verlag Drava das Buch KLEINE TÖNE, MEINE TÖNE//PICE NOTE, MIE NOTE von Virgilio Giotti: ausgewählte Gedichte (zweisprachig) und das Tagebuch „Unnötige Notizen“. Die Übersetzung „aus dem Triestiner Italienisch ins Deutsche“ war von mir, wie auch das Vorwort.
   
Die Geschichte dieser Veröffentlichung ist sehr lang: zum einen ist sie die schöne Geschichte einer sich jahrzehntelang durch nichts beirren lassenden Zuneigung des Übersetzers zu den Gedichten und der Person des Triestiner Autors Giotti, zum andern aber auch die nicht so schöne Geschichte eines Projekts der Veröffentlichung von Lyrik in Übersetzung im Literaturbetrieb von heute.

Virgilio Giotti

 

Die schöne Geschichte


1984 übersiedelte ich mit meiner Familie nach Duino, wo Franziska, meine Frau, eine Stelle als Lehrerin für Deutsch und Französisch am United World College of the Adriatic angenommen hatte. Das ermöglichte mir die Verwirklichung eines lang gehegten Traums: den der Existenz eines „freien“ Autors und Übersetzers – noch dazu in Triest, in Italien! Ich hatte bis dahin ein paar dünne Prosa- und Gedichtbände veröffentlicht, hatte einiges aus dem Englischen und Französischen übersetzt und, mit einiger Kühnheit, sogar aus dem Italienischen, u.a.Texte von Sandro Penna und Primo Levi, ganz ohne Kenntnisse der italienischen Sprache, aber im - trügerischen - Vertrauen auf meine Schul-Kenntnisse des Lateinischen und Französischen – vor allem aber im Vertrauen auf die exzellenten Italienischkenntnisse meiner Frau…

In Duino hatte ich erstmals Gelegenheit, mich ganz dem Schreiben zu widmen: d.h. dem Verfassen eigener Texte und dem Übersetzen der Texte anderer Autoren. Damals begann ich auch – ich war schon 40 Jahre alt! –Italienisch zu lernen. Mein Lehrer war Augusto Debove, der am UWC Italienisch unterrichtete. Er lernte im Austausch bei mir Deutsch, und er war es dann auch, der später die meisten Übersetzungen meiner Texte ins Italienische anfertigte.

Im UWC in Duino traf ich auch mit dem Holländer Jan Louter zusammen, der am College Holländisch unterrichtete und als Lektor an der Universität in Triest arbeitete. Er hatte Texte Giottis ins Holländische übersetzt. Er machte mich mit dem Werk Virgilio Giottis bekannt und empfahl mir, unbedingt Gedichte dieses damals mir völlig unbekannten Dichters ins Deutsche zu übersetzen. Als er nach Holland zurückkehrte, schenkte er mir das von ihm gesammelte Material zu Giotti, vor allem Zeitungsausschnitte, und ein von ihm selbst liebevoll collagiertes Büchlein aus Fotokopien von Gedichten Giottis, das die erste Grundlage meiner Beschäftigung mit Giotti war und das ich, es in Ehren haltend, bis heute besitze…


Duino/Foto: Tiesse/Wikimedia


In Anbetracht meiner damaligen Italienischkennnisse, vor allem aber auch in Anbetracht des eigenwilligen Idioms, dessen sich Giotti für seine Poesie bedient, war ich anfangs darauf angewiesen, dass ein „native speaker“ für mich die in Giottis sehr persönlichem „triestino“ geschriebenen Texte in ein Normal-Italienisch übersetzt. Viviana Pace, aus Triest gebürtig und auch eine Italienischlehrerin am UWC, transkribierte für mich ausgewählte Texte Giottis.

Meine ersten Lektüre-Kontakte mit den Gedichten Giottis waren von nichts als von vagen Ahnungen bestimmt: so wie ein Blinder ein Gegenüber, das er nicht sehen kann – ein Gesicht, einen Gegenstand etc -  mit den Fingern abtastet, um ein inneres Bild, eine Vorstellung davon zu gewinnen, so tastete ich die Texte Giottis ab, mühsam buchstabierend, laut lesend, immer wieder ratlos und meistens verzweifelt. Zugute kam mir bei dieser somnambulen Beschäftigung mit den Texten eine mehrere Jahrzehnte, zu Zeiten manisch ausgeübte Leseaktivität und - routine, die es mir ermöglichte, die Qualität eines Texts schon bei einem ersten Kontakt zu erahnen, zu erraten, zu spüren, instinktiv, aber doch präzise einzuschätzen – eine Fähigkeit, die ich auch in einer jahrzehntelangen Tätigkeit als Rezensent für österreichische Zeitungen und Zeitschriften üben hatte können.

Mir gefielen die Gedichte Giottis von Anfang an, auch ohne dass ich die Texte lexikalisch oder gar viel von ihrer Aussage verstand. Sie waren mir aber trotz ihrer Unzugänglichkeit, ihrer Unverständlichkeit überraschend nah, vertraut, sympathisch: ich empfand spontan Sympathie für das ICH, das ich hinter den Texten vermutete, und ich baute derart nach und nach eine Beziehung zu diesem erahnten ICH auf, die sich zu einer Art von Liebesbeziehung auswuchs: ja, ich war dem Autor und seinen Gedichten in Liebe zugetan.


Hans Raimund

 
Das entbehrte jedoch nicht einer gewissen Fatalität. Denn eigensinnig von Natur aus, befasste ich mich mehrere Jahrzehnte lesend und übersetzend mit den Texten, nicht ununterbrochen, doch immer wieder - aber stets wie unter Zwang. Bemerkenswert ist, dass mir allein die Texte genügten. Ich vermied instinktiv eine mögliche Klärung der zahllosen sprachlichen und inhaltlichen Verständnisprobleme durch Befragung der Sekundärliteratur oder durch biografisches Material, das es zu und über Giotti auch schon in den 80er-Jahren gab.

Mich derart intensiv mit den Texten befassend, gelang mir, glaube ich, das rare Erlebnis des Einsseins, ja der Identität des Lesenden mit dem gelesenen Text. Ich benötigte, ja ich WOLLTE keine biografischen Informationen, keine detaillierten Textinterpretationen, keine Geschichte der Literatur von Triest etc., also keines der gängigen Hilfsmittel, die einem angeblich das Erfassen eines Textes ermöglichen oder erleichtern.

Ich beschränkte mich bewusst auf das bloße Lesen der Texte – in der in der EDIZIONI LINT TRIESTE 1986 erschienenen Ausgabe der OPERE/Colore – Altre Poesie –Prose -; unabdingbar für das Verstehen war aber schon die kontinuierliche Verwendung von Gianni Piguentinis NUOVO DIZIONARIO DEL DIALETTO TRIESTINO, mit dessen Hilfe ich die mir nicht in ein Normal-Italienisch transkribiert vorliegenden Gedichte Wort für Wort ins Deutsche übersetzte.

(Ich bekenne hier: trotz der langjährigen Beschäftigung mit Giottis Gedichten kann ich heute TRIESTINO weder sprechen noch wirklich verstehen, wenn ich es gesprochen höre. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich den Klang von TRIESTINO, das ja zumindest die Grundlage für Giottis eigentümliches Poesie-Idiom ist, als angenehm wohlklingend oder gar sympathisch empfinde…)


Triest/Foto: Zinn/Wikimedia


Was war aber dann, nach Überwindung der anfänglichen  Sprach-  und Verständnisprobleme, ausschlaggebend für meine zu konstatierende „amour fou“ für Giotti und seine Verse? Ich bin kein professioneller Übersetzer. Ich bin ein Autor, vor allem Lyriker, der AUCH übersetzt. Ich habe bisher selten „auf Auftrag“ übersetzt. Zumeist wählte ich Autoren zum Übersetzen aus, deren Texte mich beim Lesen faszinierten, vor allem weil sie so anders schrieben als ich, aber nur um dann beim Übersetzen nach und nach und zu meiner Überraschung Gemeinsamkeiten zwischen ihren und meinen Vorstellungen, vom dem, was Literatur ist oder sein soll, herauszufinden.So erging es mir auch mit Giotti. Ich finde meine Vorstellungen von dem, was für mich ein „gutes“ Gedicht ist, in vielen seiner Texte exemplarisch verwirklicht.

In einem Nachwort zu einer bibliophilen Veröffentlichung einiger meiner Texte im Jahr 2011schreibe ich unter dem Titel: IN DIFESA DEL TUONO UMILE: Io non sono capace di leggere (tanto meno di scrivere!) poesie che abbiano come oggetto preminente la vita spirituale degli uomini, la religione, l’esoterismo, in breve tutto ciò che trascende la fisicità materiale. (…) L’equipaggiamento del mondo poetico che io preferisco é il semplicemente fisico, l’ordinario quotidiano – agli occhi di alcuni, banali – nel quale per me c’é cosí tanto di vulnerabile, e c’é abbastanza di meraviglioso. Semplicitá, misura, ripiegamento dell’ individuale ecc. sono proprietá del testo alle quali, credo, vale la pena di tendere – Ecco: eine Poetik „en miniature“, MEINE Poetik, in der aber, ohne dass es mir bewusst war, anscheinend die jahrelange Beschäftigung mit der Lyrik Giottis programmatisch zum Tragen kommt, indem Merkmale seiner Poesie, ohne dass ich es gemerkt hatte, auch nun die meiner Poesie sind…
  
Ein Text – und es ist nur einer von vielen - , in dem Giottis Poetik für mich beispielhaft deutlich wird, ist das große, ambitionierte Gedicht DIE ALTEN, DIE DEN TOD ERWARTEN: das poetische Material ist ausschließlich die Wirklichkeit, der banale Alltag von alten Männern in einer Stadt am Meer und in einem nahen Hinterland: der poetische Diskurs ist von großer Gelassenheit, bleibt zur Gänze im physischen Bereich des Alltags-Lebens, kommt ganz ohne Metaphern, ohne jeden Verweis auf Metaphysisches oder Religiöses aus und versteigt sich in keiner Zeile zum „hohen Ton“; ein diskret im Hintergrund bleibendes lyrisches Ich enthält sich konsequent jeder Weisheitsgebärde, jedes Verweises auf die Erkenntnis eventueller schicksalhafter Zusammenhänge, jeglichen autoritären Moralisierens – ein Diskurs, der überraschend jäh und offen endet – ergebnislos und sich jeglicher summierend tröstenden Abrundung enthaltend -  derart im Leser – zumindest in mir – trotz  des tristen Ernstes des Sujets eine fröhliche Traurigkeit - oder traurige Fröhlichkeit - hervorrufend, die in eine lakonische Melancholie mündet….   


Virgilio Giotti


Die nicht so schöne Geschichte


Um 2006 bereitete ich – nach über 20 Jahren Arbeit an der Übersetzung - eine für den etwaigen Druck fertige Computer-Datei vor, bestehend aus den Gedichten im Original, aus meinen Übersetzungen ins Deutsche und der deutschen Übersetzung des Tagebuchs  APPUNTI INUTILI. Und 2006 begann die  Suche nach einem Verlag dafür – die erst  2012 ein Ende fand.

Kein Verlag, weder in Österreich noch in Deutschland, erklärte sich bereit, die Gedichte eines im deutschsprachigen Raum völlig unbekannten, schon toten Dichters aus dem Ausland in der Version eines unbekannten Übersetzers in sein Programm aufzunehmen, d.h. die Übersetzung zu honorieren, die Rechte für den Abdruck der Originale und die Übersetzungsrechte zu erwerben, die Kosten für die Produktion und die Öffentlichkeitsarbeit zu tragen etc. Nur der WIESER Verlag hatte sich sofort, allerdings chronisch vage wie immer, interessiert gezeigt und kündigte auch prompt von 2006 bis 2013 das Buch zwei Mal im Jahr in seinen Katalogen an.

2012 war ich mit meiner Geduld am Ende. Ich bot das druckfertige Material dem Drava Verlag an, von vornherein bereit, die Produktion des Buches selbst zu bezahlen. Ich WOLLTE – um jeden Preis! -, dass der Dichter Virgilio Giotti im deutschsprachigen Raum als ein bedeutender Autor zur Kenntnis genommen wird. Der Preis, den ich dafür bezahlte, war der Verzicht auf jegliches Honorar, auf jegliche Beteiligung am Ertrag der verkauften Exemplare und etwaiger Nebenrechte, und der Ankauf von 70 Exemplaren des gedruckten Werks zum Bruttoladenpreis von Euro 19,80.

Ich selbst habe seit Erscheinen des Buches zusätzlich ca. 100 Exemplare zum Autorenpreis angekauft und sie an Freunde, an für Lyrik Interessierte, vor allem aber auch an etwaige Multiplikatoren wie Zeitungen, Literaturzeitschriften, Bibliotheken, literarische Institutionen im In- und Ausland geschickt…, d.h. ich finanzierte nicht nur die Produktion, sondern auch die Öffentlichkeitsarbeit für das Buch.


Rilke-Pad, Duino/Foto: Tiesse/Wikimedia


Die Rezeption von "Kleine Töne, meine Töne"


Auch das ist wieder eine zum Teil schöne, zum Teil weniger schöne Geschichte. Ich hatte seit 1991 regelmäßig Übersetzungen von Gedichten Giottis und einen Aufsatz über ihn mehr als 20 Mal in deutschsprachigen Tageszeitungen, Literaturzeitschriften und Anthologien publiziert, vor allem in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG, in DiePRESSE etc. Als das Buch KLEINE TÖNE, MEINE TÖNE 2013 endlich erschien, wurde es zu meiner Überraschung im deutschsprachigen Raum und in Italien von der Kritik und von einem an Lyrik interessierten Publikum doch positiv zur Kenntnis genommen.

Rezensionen des Buchs gab es u.a. in der Wiener Stadtzeitung AUGUSTIN, in der WIENER ZEITUNG, in der italienischen Zeitschrift POESIA, in Literatur-BLOGS im Internet, wie z.B. in PSYCHOSEMITISCHER BÜCHERBLOG, FRAU IM FRIAUL, im ONLINE MAGAZIN CULTMAG… Am 14. 7. 2013 wurde das Buch beim MITTELFEST in Cividale präsentiert. Am 14.9. 2013 wurden im Rahmen der Sendung NACHTBILDER- POESIE UND MUSIK in Radio Österreich1 Texte aus dem Buch gelesen. Am 4. 11. 2013 stellte ich das Buch in Wien in der ALTEN SCHMIEDE vor, im Rahmen einer „Stunde der literarischen Erleuchtung“, bei der Mara Quarantotto, die Urenkelin Giottis, die Texte im Original las…
  
Einige Gedichte in meiner Übersetzung fanden vor kurzem Verwendung in Maria Valentina Kravanjas umfangreicher Dissertation über „DIE MALEREI DER ZWISCHENKRIEGSZEIT IN TRIEST“, die 2016 im Verlag Leykam in Graz erschien. Angeregt durch Frau Kravanja, die, von der Familie her, eng verbunden mit Triest ist, schickte ich vor kurzem Exemplare des Buchs an eine stattliche Anzahl von Triestiner Institutionen und Kulturschaffenden. Ich erhielt bisher von NIEMANDEM eine Antwort. Das überrascht mich nicht, hatte ich doch schon bald nach Erscheinen des Buchs 2013 viele Exemplare an diverse, mir wichtig erscheinende Adressen in Triest geschickt – und wurde, mit Ausnahme von Prof. Claudio Magris, der das Buch und die Übersetzung lobte - wird er doch auf dem hinteren Umschlag zitiert - nicht einer (1) Antwort oder Reaktion gewürdigt. 

 
Antiquariat/Foto: Warburg/Wikipedia

 
In der Zeitung IL PICCOLO gab es dann doch einmal 2 knappe Besprechungen, in denen von einer Wiederentdeckung Giottis die Rede war im Zusammenhang mit den Übersetzungen ins Spanische und ins Deutsche. Eine liebevolle, detailliertere Besprechung erschien in der Zeitschrift PONTE ROSSO im April 2015 von Liliana Bamboschek, unter dem Titel „Leggere Giotti con gli altri occhi“…

Eine formelle Kenntnisnahme durch Triest, eine Präsentation oder eine Art von minimaler „promotion“ des Buchs durch die hiesigen Institutionen oder die „Literaturgewaltigen“ erfolgte bis  heute nicht. Das Buch ist bisher in keiner Buchhandlung in Triest lagernd oder gar ausgestellt gewesen, obwohl ich selbst Exemplare ausgeschickt habe, u.a. an die Buchhandlung MINERVA, an die Buchhandlung im Café SAN MARCO, an die Buchhandlung UMBERTO SABA etc…

Die eindruckvollste Manifestation des arroganten Desinteresses der Triestiner war aber mein Vorsprechen in dem schön altmodischen Antiquariat in der Altstadt von Triest, vor dessen Auslage mit Publikationen zu Triest ich seit jeher immer wieder fasziniert gestanden war. Meine Absicht war, dass es das Buch, meine(!) Übersetzung Giottis, in diesem Geschäft zu sehen, zu kaufen gab, „auf Lager war“.

Also suchte ich eines Tages das Geschäft auf, händigte „KLEINE TÖNE, MEINE TÖNE“, das Buch eifrig und aufgeregt anpreisend, mit klopfendem Herzen dem dort seit Jahren anwesenden, mir von Sehen her bekannten Verkäufer oder Besitzer aus, der mich allerdings höchst befremdet von Kopf bis Fuß maß und, das Bändchen mit Fingerspitzen widerwillig anfassend, ungehalten fragte: „Und was soll ich jetzt damit“? Mir war zum Weinen. Ich stammelte: „In die Auslage stellen…. oder wegschmeissen!“ Und mich auf dem Absatz umdrehend, verließ ich fluchtartig das Geschäft, auch in dem Bewusstsein, wieder einmal etwas „tipicamente triestino“ erlebt zu haben.


San Giovanni di Duino/Foto: Johann Jaritz/Wikimedia

Oft frage ich mich doch, warum ich mich jahrzehntelang – bis heute – für den Autor Virgilio Giotti, ohne Kosten und Mühen zu scheuen – bis zur bewussten Selbstschädigung (siehe oben) – ihm derart treu und solidarisch, eingesetzt habe. Ja, es ist schon so etwas wie eine „amour fou“ für den Dichter und den Menschen Giotti, der durch seine Texte und auch später dann durch seine Biografie für mich unerhört lebendig wurde: ja, es ist die Liebe zu dieser von so vielen Schicksalsschlägen getroffenen Person und zum Dichter, zu seiner Dichtkunst und Sprachkunst, die durch die Erfindung und Gestaltung eines eigenen künstlich kunstvollen, poetischen Idioms noch anziehender, reizvoller, herausfordernder wurde, das aber auch das Übersetzen von Lyrik noch problematischer macht, als es ohnehin schon ist
.
Wie ich im Vorwort des Buchs feststelle, verzichte ich wohlweislich darauf, für Giottis dialektales poetisches Idiom ein entsprechendes dialektales Idiom aus dem deutschen Sprachraum zu verwenden, allzu unterschiedlich sind die Mentalitäten, die in den Dialekten zum unverwechselbaren Klang werden. Ich fand mein Auslangen, nach einigen Versuchen mit dem Wiener Dialekt, mit der Verwendung eines zeitlosen umgangssprachlichen Idioms der deutschen Sprache.

Wenn mir derart ein „TON“ gelang, der ungefähr dem Ton des Originals nahe kommt oder zumindest als TON der deutschen Version „ins Ohr geht“, wohlklingend ist, dann bin ich schon froh. Im Vordergrund stand für mich, wie bei allen Übersetzungen von Poesie von mir, der Ratschlag des großen tschechischen Dichters Vladimir Holan, den er dem Übersetzer seiner Gedichte, Franz Wurm gab: „Seien Sie so wörtlich wie möglich und nehmen Sie sich jede Freiheit, die Sie brauchen, aber machen Sie daraus ein gutes deutsches Gedicht.“   

Vielleicht aber ist die Ursache für die „idée fixe“, zu der Giotti und sein Werk für mich im Laufe der Jahre wurde, schlicht und einfach das unbewußte Verlangen, durch den selbstlosen Dienst am Werk Giottis, d.h. durch das Übersetzen seiner Texte, mir endlich die Gunst und, wenn schon nicht die Anerkennung, so wenigstens die Kenntnisnahme dieser für mich unzugänglichen, seltsam abweisenden, so verletzend desinteressierten Stadt zu verschaffen, an deren Rand, in Duino, eben en marge, ich 13 Jahre – so gern! - gelebt habe.
  
Hochstrass, im August 2017