Jerusalem

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Freitag, 23. November 2012

„Der Duft des Sussita“ von Robert Scheer


Während der von den deutschen Medien mit träge-gehässiger Persistenz – wenn auch nicht ganz unschuldig – auf die Rolle des ungelenken Trottels mit fataler Vorliebe für dumme, aber hübsche, wenn auch allzu junge Frauen abonnierte Fußball-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus („Ich habe in meinen Beziehungen immer mehr gegeben als zurückbekommen“) in seiner jüngst erschienenen Autobiografie auf ebenso überraschende wie eindrückliche und bewegende Art und Weise sein Kurzengagement als Trainer des israelischen Fußballclubs Maccabi Netanya schildert, widerfährt ihm gleichzeitig von gänzlich unerwarteter Seite so etwas wie späte literarische Genugtuung: der Tübinger Schriftsteller und Philosoph Robert Scheer hat ihn zum sympathischen Helden einer satirischen Erzählung in seinem großartigen literarischen Debüt „Der Duft des Sussita“ gemacht, in der er eine aberwitzige Handlung rund um dessen von zahlreichen kulturellen Missverständnissen geprägtes Trainerengagement im jüdischen Staat entfaltet und die so voller treffsicherer Pointen ist, dass man aus dem Staunen und Lachen kaum herauskommt:

„Hier isst man nur Koscheres [...]
So, habe ich gehört, sagte Lothar Matthäus. Kann man so etwas essen und genießen?
Nö. [...] Auf gar keinen Fall sollte man koscheres Essen zu sich nehmen. Es sei Gift. [...] Wenn man mit mir zusammen isst, isst man nur gutes Essen“

Sagt Onkel Sauberger, die wohl unvergesslichste Figur des Buches, eine geradezu messianische Gestalt, die eine ganz eigene überraschende Antwort auf die Herausforderungen des Lebens in Israel und auch einen möglichen Ausweg bereithält: den reichhaltigen und ungehemmten Verzehr von Schweinefleisch: „Alle Sorten, gebratene, rohe, gekochte, kalte und warme Gerichte“



Robert Scheer wurde 1973 im rumänischen Siebenbürgen geboren, besser bekannt auch unter der Bezeichnung Transsilvanien – deshalb darf man ihn wohl mit Fug und Recht als „Graf Dracula der jungen deutschen Literatur“ bezeichnen. Seine Muttersprache ist Ungarisch; 1985 wanderte er mit seinen Eltern und seinem Bruder nach Israel aus, wo er nach seinem Militärdienst und einer gescheiterten Karriere als Rockmusiker ein Philosophistudium begann, welches er aus Liebe zu Hölderlin in Tübingen fortsetzte, wo er auch heute lebt.

Israel ist ein Land so vieler Widersprüche, dass ein denkender Mensch, ein Philosoph noch dazu, nicht umhin kommt, sich zu diesen Widersprüchen zu positionieren. Robert Scheer hat dies geographisch getan, aber auch literarisch: mit scharfem politischen Verstand, Ironie, Sarkasmus, Skepsis und einem ungewöhnlich ausgeprägten unnachahmlichen Talent zur doppelbödigen Satire. Seine Texte erinnern an den frühen Ephraim Kishon, als dieser noch politisch war; er hat ein ungeheures Talent zur Schöpfung und auch sprachlichen Ausgestaltung unvergesslicher Charaktere, unter denen besonders der bereits erwähnte und wörtlich zitierte, schillernde Onkel Schlauberger herausragt, den man ohne jegliche Vorbehalte als ganz großen literarischen Wurf bezeichnen darf, dessen Geschichte mit diesem ersten Buch mit großer Sicherheit noch nicht gänzlich auserzählt ist.
 
Aber Robert Scheer schreibt keine Comedy. Seine Texte offenbaren reale Abgründe, die man nicht überwinden, sondern allenfalls aushalten kann. Und so erleben wir in seinen Texten eine kritische Beschreibung israelischer Verhältnisse, wie es sie in dieser Form noch nie in deutscher Sprache gegeben hat.

Gleichzeitig ist Israel aber auch – vielleicht gerade aufgrund eines permanenten Gefühls der Krise - ein Land unbändiger Lebensfreude; und dauch dafür gibt es zahlreiche Beispiele in Robert Scheers Buch, etwa eine wunderbare Liebesgeschichte in „Front Catering GmbH“ oder die absurde Geschichte eines ultraorthodoxen Juden, der die biblische Aufforderung „Seid fruchtbar und mehret euch!“ allzu wörtlich nimmt und seinen Lebensunterhalt ausschließlich als professioneller Samenspender bestreitet. „Der Duft des Sussita“ ist das wohl ungewöhnlichste Debüt eines jungen deutschsprachigen Schriftstellers seit langem, das hohe Erwartungen an zukünftige Bücher dieses originellen Autors weckt.

„Der Duft des Sussita“, erschienen bei Hanser Berlin, 157 Seiten, € 16,90

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