Jerusalem

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Donnerstag, 28. August 2014

„Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben“ von Marion Tauschwitz

Es hat immer auch einen unbestreitbar zweifelhaften Anstrich des Taktlosen, wenn Protagonisten des akademischen Betriebs im Rahmen einer öffentlich zugänglichen wissenschaftlichen Arbeit indiskreterweise tief in das Privatleben einer verstorbenen Künstlerpersönlichkeit eindringen, die keinerlei rechtliche Handhabe mehr besitzt, dieser mutmaßlich gut gemeinten und in der Tat oft nützlichen Unternehmung im Dienste der interessierten Öffenlichkeit zu widersprechen. Im Falle der von den Nationalsozialisten tragischerweise im jugendlichen Alter von nur achtzehn Jahren sinnlos ermordeten, zum Zeitpunkt ihres Todes jedoch künstlerisch bereits erstaunlich ausgereiften deutschsprachigen Lyrikerin Selma Merbaum (1924-1942) aus dem heute in hohem Maße mythisch verklärten, einstmals blühenden multikulturellen Habsburgerstädtchen Czernowitz in der Bukowina (heute Ukraine) kommt zu dem offensichtlichen literaturwissenschaftlichen Interesse noch der gute und nützliche historische Wille zur lückenlosen Dokumentation exemplarischer Lebensgeschichten der Opfer der Schoah.



Das unglückliche Zusammentreffen dieser beiden unterschiedlichen Interessenlagen macht es dem heutigen Leser jedoch nahezu unmöglich, das eigentümliche und in hohem Maße charakteristische erhaltene Werk der jungen Dichterin unvoreingenommen und vor allem ihrem eigentlichen künstlerischen Wert nach angemessen zu beurteilen, da hinter jedem allzu begeisterten Urteil immer auch der unausgesprochene Verdacht lauert, dabei unbewusst oder auf sentimentale Art und Weise von den tragischen Umständen eines sinnlos vergeudeten hoffnungsvollen Lebens und vielversprechenden literarischen Talents beeinflusst worden zu sein, das aufgund der Zeitumstände auf brutalstmögliche Art und Weise daran gehindert wurde, jemals zur vollen Blüte zu gelangen. Denn hierin liegt das wesentliche Verbrechen der Nationalsozialisten: im millionenfachen Verhindern des natürlichen Rechts auf ein freies, selbstbestimmtes Leben, so banal und friedlich es sich unter Umständen auch zu sein träumt.


Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und haßen
und möchte den Himmel mit Händen faßen
und möchte frei sein und atmen und schrei'n


Es gibt indes gute Gründe, warum der erste und einzige Gedichtband der jungen Selma Merbaum seit seiner Erstveröffentlichung als Privatdruck in Israel im Jahre 1976 bis heute ein so breites und nachhaltiges Interesse in der ganzen Welt hervorzurufen vermocht hat: sogar Herbert Grönemeyer interpretierte vor einigen Jahren deren Gedicht „Trauer“ auf einer CD des Schweizer The World Quintet. Trotz einer bei ihr stets im Vordergrund stehenden schwärmerisch-verspielten und offenbar vor allem aufgrund des jungen Alters der Dichterin unerfüllt gebliebenen allumfassenden Sehnsucht nach einem mit allen Sinnen und bei vollem Bewusstsein gelebten Leben bleibt selbst noch in den ausuferndsten Versen und Reimen stets ein bemerkenswerter, kaum zu übersehender poetischer Kern von hoher Originalität und Aussagekraft präsent, mit dem allein sich weit weniger begabte Lyriker voll und ganz zufrieden geben dürften. Überdies sind Selma Merbaums Gedichte aufgrund ihrer virtuosen und hoch musikalischen Reime sowie ihrer im intensiven persönlichen Naturerlebnis präzise geformten Metaphorik für den Liebhaber klassischer Lyrik besonders leicht zugänglich.


Und die eine [Kastanie] hier in meiner Hand,
ist nicht braun und glänzend wie die andern
sie ist matt und schläfrig wie der Sand,
der mit ihr durch meine Finger rollt.
Langsam, Schritt für Schritt, wie ungewollt
laß ich meine Füße weiter wandern.


Die langjährige Vertraute und allerseits anerkannte Biographin der deutsch-jüdischen Lyrikerin Hilde Domin (1909-2006), Marion Tauschwitz, hat sich in langjähriger gewissenhafter Reche der ebenso mühseligen wie verdienstvollen selbstgestellten Aufgabe gewidmet, anhand historischer Fakten und Zeitzeugenberichten sowie gut dokumentierter Aussagen von überlebenden Weggefährten, Freunden und Bekannten der ermordeten Dichterin eine nahezu lückenlose, ausführliche literarische Lebensbeschreibung von Selma Merbaum zu erarbeiten, die mit ihrem umfangreichen, akribisch zusammengestellten Anhang nicht nur wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, sondern auch dem unvorbelasteten, lediglich am tragischen Schicksal der talentierten Kusine von Paul Celan interessiertem Leser eine ausgesprochen faktenreiche und fesselnde, mitunter erschütternde Lektüre bietet.


Historische Postkarte von Czernowitz, ca. 1910

Dabei kam der Autorin ohne Zweifel die nützliche Tatsache entgegen, dass der überschaubare, ausgesprochen homogene deutschsprachige jüdische Mikrokosmos des Fünfzigtausend-Einwohner-Städtchens Czernowitz mit seinen zahlreichen gut ausgebildeten und zumindest weitläufig miteinander bekannten Protagonisten, von denen viele nach dem Krieg schriftlich oder sogar literarisch Zeugnis über ihre Verfolgung ablegten, aufgrund der gemeinsamen Sprache vergleichsweise leicht zu dokumentieren war. Neben der Prüfung zahlreicher schriftlicher Quellen suchte Marion Tauschwitz aber über einen beeindruckenden Zeitraum von über zwanzig Jahren immer wieder auch das persönliche Gespräch mit überlebenden Zeitzeugen, so etwa mit zwei Jugendfreundinnen Selma Merbaums, den in Israel lebenden Ilana (Liane) Shmueli und Margit Bartfeld-Feller, die zahlreiche bisher unbekannte und wertvolle Details beitragen konnten.


[…] packt dich und hält dich und sprudelt dich an
Sturzflut erfaßt dich und rast mir dir fort –
was kein Wildbach, kein Wirbel, kein Hochwaßer kann
hat dies Atmen vieltausende Mal schon getan [...]


Eines der unspektakulärsten, jedoch gleichzeitig auch wichtigsten grundsätzlichen Resultate der Recherchearbeit von Marion Tauschwitz ist eine durch sorgfältige Prüfung der erhalten gebliebenen offiziellen Registereinträge sowie durch Schul- und Deportationslisten eindeutig zu belegende, endgültige Klärung der Namensverhältnisse der jungen Dichterin: während bisherige Veröffentlichungen von „Meerbaum“ oder „Meerbaum-Eisinger“ (nach dem Stiefvaternamen) ausgingen, ist nun zweifelsfrei die endgültige Lesart „Merbaum“ bestätigt – eine andere Schreibweise tauchte in offiziellen Dokumenten offenbar niemals auf. Erstaunlich, wie Selma Merbaums leiblicher Vater, ein Schuh-Einzelhändler aus ärmlichen Verhältnissen, der an Tuberkulose starb, als seine Tochter gerade erst ein Jahr alt war, durch eine grundsätzliche Entscheidung unbewusst den Keim für Selmas Liebe zur deutschen Sprache legte, als er sich nämlich nach dem Ersten Weltkrieg für ein Leben in der deutschsprachigen Lokalmetropole Czernowitz entschied, weil er sich in der deutschen Sprache heimischer fühlte als im Rumänischen, Polnischen oder Jiddischen.


Selma Merbaum

Sprecht Rumänisch! Auf Korridoren und in Klassenzimmern forderten überdimensionale Plakate die Einhaltung des Gebots ein. Eigens dafür eingestelltes Personal patrouillierte während der Pausen mit kleinen Reitgerten durch die Gänge, um notfalls mit Gewalt durchzusetzen, was das Wort nicht erreicht hatte. Mit Fantasie und Einfallsreichtum schafften die Mädchen sich kleine Fluchten und übertölpelten die Kontrolleure: Sie hängten deutschen Wörtern kurzerhand rumänische Endungen an und hatten eine Sprache, die nur sie verstanden.

Hier lernte Max Merbaum schon bald seine spätere Frau Frieda Schrager kennen. Da das Schuhgeschäft, das Max gemeinsam mit seinem Bruder Josef aufgebaut hatte, auch nach seinem frühen Tod und dem Eintritt seiner Witwe in die Geschäftsführung bescheidene Gewinne abwarf und sein wohlhabender, stets hilfreicher Cousin Abraham Merbaum eine florierende Großmolkerei im Ort betrieb, war Selma unter den komfortablen Bedingungen des reichen kulturellen Lebens von Czernowitz trotz der Juden gegenüber zunehmend feindlichen und diskriminierenden Kulturpolitik der rumänischen Administration nicht nur eine unbeschwerte Kindheit, sondern auch müheloser natürlicher Zugang zu höherer Bildung gemäß ihren lebhaften künstlerischen und unter dem Eindruck zunehmender Ausgrenzung erwachenden politischen Interessen vergönnt: Selma war mit ihren engsten Freundinnen und Freunden im linkszionistischen Hashomer Hazair organisiert und begrüßte den Einmarsch der Sowjetarme am 28. Juni 1940 ausdrücklich und mit idealistischer Begeisterung.


Und plötzlich ist das Grün der Bäume neu
und ein Geruch wie von ganz frischem Heu,
schlägt dir in dein Gesicht, das, heiß und blaß,
auf diesen Regen wohl gewartet hat.


In diese Zeit des schwärmerischen und leider unbegründeten Optimismus, der schon bald umfassender Ernüchterung weichen sollte, fällt auch Selmas produktivste Zeit als Dichterin: die meisten ihrer ebenfalls vollständig im Anhang des Buches enthaltenen Gedichte datieren aus den Jahren 1940 und 1941. Obwohl sie – wie wir erfahren – ein selbstbewusstes, beharrliches und politisch engagiertes junges Mädchen gewesen zu sein scheint, müssen ihre Gedichte eher als dankbar-virtuoses Hilfsmittel einer umfassenden persönlichen Standortbestimmung als menschliches Individuum und als langsam zu ihrer ureigenen Weiblichkeit erwachenden Frau betrachtet werden denn als geeignetes Instrument zu einer bewussten politischen Auseinandersetzung mit der Realität mit literarischen Mitteln. Beim Betrachten der erhalten gebliebenen Fotos fällt eine geradezu überwältigende Ähnlichkeit zu Anne Frank auf, deren Empfindsamkeit, frisch erwachende Sexualität und Urteilskraft sie auf geradezu seelenverwandte Art und Weise geteilt zu haben scheint.

Schau mich doch an. Ist wohl mein Bild noch da in deinem fernen Blick? Ich will dich, wie die Traube will, daß man sie, wenn sie reif ist, pflückt.


Zentralplatz in Czernowitz/Чернівці heute

Mit dem überstürzten Abzug der Sowjetarmee infolge des kriegseröffnenden deutschen Angriffes am 22. Juni 1941 („Unternehmen Barbarossa“) fiel Czernowitz erneut unter die Herrschaft des mit Nazi-Deutschland eng verbündeten Rumänien, das die jüdische Stadtbevölkerung nach blutigen Pogromen unverzüglich in ein im ehemaligen jüdischen Stadtviertel neu geschaffenes Ghetto zwang. Die Deportationen in die dem rumänischen Staatsgebiet neu zugefallene karge und dünn besiedelte ukrainische Enklave „Transnistrien“ jenseits des Bug erfolgten etwa ein Jahr später innerhalb von drei Wochen. Selma und ihre Familie landeten zunächst in einem nicht näher bezeichneten ehemaligen Steinbruch („Cariera de piatră“), in dem sie – immerhin ohne Zwangsarbeit verrichten zu müssen – unter unwürdigen Zuständen, aber in der relativen Sicherheit rumänischer Oberhoheit, nahezu ohne Essen und Trinken tatenlos in der brütenden Sommerhitze dahinvegetieren mussten.

Rena Tatanca, es ist so heiß hier, daß ich zu faul bin die Augen zu schließen, daß ich nicht imstande bin den Bleistift zu halten u. es mir schwer fällt einen Gedanken durch mein Hirn zu wälzen. Trotzdem will ich Dir schreiben. Eigentlich weiß ich ja nicht einmal ob ich Gelegenheit haben werde diesen Zettel zu befördern – macht nichts. Jetzt wenigstens kommt es mir vor, daß du bei mir sitzt, daß ich nach fast einem Jahr wieder mit dir sprechen kann. […] Es ist mir, als ob alle meine künftigen Tage in eine feste Masse zusammenfrieren u. sich für immer schwer auf meine Brust legen wollten. […] Natürlich hält man es auch so aus. Man hält es aus, trotzdem man immer wieder meint: jetzt, jetzt ist es zuviel. Jetzt halte ich nicht mehr durch. Jetzt breche ich zusammen.

Arnold Daghani: "At the Gate of the Jews' Camp", 1942

Als drei Monate später ein SS-Trupp anrückte und den physisch und psychisch bereits erheblich zerrütteten Häftlingen Arbeit auf deutsch-besetztem Gebiet beim Straßenbau anbot, gaben sich viele Freiwillige zum Zorn des rumänischen Lagerleiters der ebenso naiven wie gefährlichen Illusion hin, es würde ihnen dort möglicherweise besser gehen: „Wer Arbeit anbietet, muss auch für angemessene Verpflegung sorgen“. Aber nicht nur die unseligen Freiwilligen wurden wenig später von den Deutschen ins Zwangsarbeiterlager Michailowka deportiert, sondern der überwiegende Teil aller bis dahin noch im Steinbruch verbliebenen Häftlinge. Die Lebensbedingungen in Michailowka waren erheblich grausamer – spontane Erschießungen, Prügelattacken und Massenhinrichtungen waren an der Tagesordnung, die Arbeit hart und die Verpflegung ebenso karg wie im Steinbruch. Bis zum frühen Wintereinbruch hatte Selma mit Hilfe eines nicht näher identifizierbaren Aufsehers noch konkrete Fluchtpläne geschmiedet, einer zweiten Typhusepidemie im überfüllten Lager erlag sie schließlich nach wochenlangem mutigen Kampf.

Sie schleppte sich trotz ihrer Schwäche weiter zum Arbeitseinsatz. Statt Steineklopfen in den Kiesgruben war mittlerweile Schneeschaufeln befohlen worden. […] Eine Knochenarbeit. Fast vierzehn Tage lang war es Selma mit Hilfe der anderen gelungen, ihre Krankheit vor den Wachen zu verbergen. Doch ihre Kräfte schwanden von Tag zu Tag. Am 16. Dezember [1942] flammten Diskussionen unter den Häftlingen auf. Neue Gerüchte kursierten und schürten sofort wieder Hoffnung. […] Für Selma nicht mehr. Seit dem Nachmittag war aus ihrer Koje in der dritten Etage ihr zarter Gesang zu hören. Sie sang sich aus dem Leben. Sie entträumte sich der Wirklichkeit. Am Abend verstummte Selma für immer.

Arnold Daghani: "Der Tod von Selma Meerbaum-Eisinger", 1943

Marion Tauschwitz' atemlos zu lesende, erschütternde Biographie ist eine gleichermaßen dankbare Lektüre für alle interessierten Leser, die lediglich auf allgemein Art und Weise an exemplarischen Lebenswegen der Schoah interessiert sind, wie auch für jene, die möglicherweise die einprägsamen Gedichte Selma Merbaums bereits kennengelernt haben und aus dieser literarischen Begegnung heraus den Wunsch verspüren, mehr über die begabte junge Frau zu erfahren, der von den Nationalsozialisten so überaus grausam jede Chance genommen wurde, ihr bemerkenwertes Talent zur vollen Blüte zu bringen. In der sorgfältigen Beschreibung ihres allzu kurzen, aber bereits erstaunlich entschiedenen Lebenswegs bleibt die emsige und mitfühlende Autorin stets auch dicht an Selmas eigenen Texten, die sie – ohne sie groß ausdeuten zu müssen – bei jeder passenden Gelegenheit namentlich zitiert, um das Lebensgefühl ihrer Protagonistin noch exakter und treuer wiedergeben zu können.


Das ist das Schwerste: sich verschenken
und wißen, daß man überflüßig ist,
sich ganz zu geben und zu denken
daß man wie Rauch ins Nichts verfließt.


Manche besonders intensive Gedichte Selma Merbaums sind von verschiedener Seite immer wieder auch als prophetische Vorwegnahme ihres ausweglosen Schicksals interpretiert worden. Gerade Marion Tauschwitz' verdienstvolle Biographie zeigt aber mit absolut unmissverständlicher Deutlichkeit, dass es sich wohl weniger um konkrete Ahnungen gehandelt zu haben scheint als vielmehr um die bereits immer wieder deutlich durchbrechende universelle literarische Aussagekraft einer überaus talentierten, ebenso einfühlsamen wie geistig reflektierten jungen Frau, die aus tief empfundener innerer Notwendigkeit bereits erste unbequeme Schritte auf dem unabhängigen Weg einer Schriftstellerin und Dichterin absolviert hatte und etwa dem gemeinsam mit ihr internierten Maler Arnold Daghani noch Wochen vor ihrem allzu frühen Tod in einer lebhaften Diskussion vorwarf, seine künstlerische Dokumentation des Lagerlebens sei nicht entschieden und voreingenommen genug. Das strahlende Beispiel der urtümlichen, unbeugsamen Persönlichkeit Selma Merbaums, das uns Marion Tauschwitz in ihrer beachtlichen biographischen Fleißarbeit vorlegt, überwiegt bei weitem nahezu jeden möglichen Vorbehalt gegenüber diesem Projekt.

„Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben“, mit einem Vorwort von iris Berben, erschienen bei zu Klampen, 349 Seiten, € 28,-


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