Jerusalem

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Freitag, 25. April 2014

„Heilige Mörderin“ von Keigo Higashino

Das sogenannte „perfekte Verbrechen“ ist ein Mythos, an dem sich – zumindest in der Theorie – schon zahlreiche ambitionierte Kriminalschriftsteller und Filmemacher abgearbeitet haben. Aber ist es moralisch überhaupt zulässig, Perfektion und Verbrechen in einem Atemzug zu nennen und so miteinander identifizierbar zu machen? Der findig-geistreiche japanische Autor Keigo Higashino, dessen packend-raffinierte Bücher seit dem letzten Jahr auch den deutschen Markt erobern, hat den nicht nachweisbaren Mord, der aus kriminalistischer Sicht auf den ersten Blick keinen rationalen Beweggründen zu gehorchen scheint und somit zunächst für Polizei und Staatsanwaltschaft unerklärlich bleiben muss, zum unverkennbaren Markenzeichen seiner ungewöhnlichen Krimis gemacht.



Sein überaus origineller Master Mind und sympathischer Protagonist ist der ebenso lebenserfahrene wie empathische Tokioter Physik-Professor Yukawa, der es als unabhängiger Sachverständiger der Polizei nicht nur aus originärem wissenschaftlichen Erkenntnisdrang, sondern auch aufgrund seiner ganz persönlichen, individuellen charakterlichen Veranlagung gewohnt ist, innerhalb der klar umrissenen Grenzen mathematischer Logik auch das scheinbar Undenkbare und sogar das Unfassbare, vom Menschen intuitiv Verdrängte absolut nüchtern und vorurteilsfrei mit seinem scharfe, überlegenen Verstand abzuwägen und dabei stets unermüdlich zur Lösung des jeweiligen Problems vorzustoßen.

Zwischen einem trickreichen Verbrechen und einem Zaubertrick besteht ein großer Unterschied. Ist der Zaubertrick beendet, hat das Publikum keine Chance mehr, ihn zu durchschauen. Bei einem Verbrechen hat der Ermittler die Möglichkeit, den Tathergang bis ins Detail zu erkunden. Jede Methode hinterlässt irgendwelche Spuren. Das Schwierigste an einem kriminellen Trick ist es, diese völlig verschwinden zu lassen.“

Am Ende seines ersten Falles „Verdächtige Geliebte“, an dem man als unwillkürlich mitleidender und -fühlender Leser bis zuletzt im Stillen hoffte, dass die rührende, geheime Liaison des hilfreichen und aus moralisch nur allzu nachvollziehbaren Gründen schuldig gewordenen Täters mit seiner auf naive Art und Weise unverschuldet in Not geratenen, heimlich geliebten Nachbarin am Ende unentdeckt bleiben dürfe, hatte sich Yukawa innerlich von seinem langjährigen Freund und ehemaligen Kommilitonen, Polizei-Inspektor Kusanagi, entfremdet, eben weil er den Mord ebenfalls am liebsten ungesühnt gewusst hätte. So bleibt es diesmal Kusanagis junger ehrgeiziger Assistentin Utsumi vorbehalten, den zunächst unwilligen Physiker um Hilfe bei einem rätselhaften neuen Fall zu bitten.

Als Sie mich anriefen, wollte ich zuerst ablehnen. Ich habe kein Interesse mehr an polizeilichen Ermittlungen. Ich habe nur zugestimmt, weil Sie sagten, Kusanagi solle nichts davon erfahren. Das hat mich neugierig gemacht, nur deshalb nehme ich mir die Zeit. Also möchte ich auch zuerst hören, warum er nichts wissen darf. Und ob ich mir die Geschichte Ihres Falls anhöre oder nicht, entscheide ich hinterher.“ [...]
Kommissar Kusanagi“, sagte sie und sah Yukawa weiter in die Augen, „ist verliebt.“
Wie bitte?“ Das sarkastische Glitzern in Yukawas Augen verschwand. Sein Blick verschwamm wie bei einem kleinen Jungen, der sich verlaufen hat. Er starrte Utsumi an. „Was soll das heißen?“
Liebe“, wiederholte sie. „Kommissar Kusanagi ist verliebt.“

Ein erfolgreicher Unternehmer war unlängst in seinem eigenen Haus von seiner heimlichen Geliebten Hiromi Wakayama, der Geschäftspartnerin und langjährigen Freundin seiner Frau Ayane, einer bekannten Patchwork-Künstlerin, leblos aufgefunden worden. Ayane selbst hatte Hiromi den Hausschlüssel für die Zeit ihrer kurzfristig angetretenen Flugreise zu ihrem kranken Vater in der Präfektur Hokkaido überlassen. Die Obduktion des Toten hat eine Vergiftung mittels Arsensäure ergeben, die sich offensichtlich in dem von ihm selbst frisch zubereiteten Kaffee befunden hatte. Trägermedium des Giftes war aller Wahrscheinlichkeit nach ein im Hauswassersystem fest installierter verunreinigter Wasserfilter, der keinerlei Anzeichen einer gezielten Manipulation aufwies.

Rainbow Bridge in Tokio

Obwohl Ehefrau wie auch Geliebte des Ermordeten für den mit sicherer Präzision bestimmbaren Todeszeitpunkt absolut lückenlose Alibis vorweisen können, gelten beide dem Ermittlerteam unabhängig voneinander als dringend tatverdächtig. Während der in seinen akribischen Nachforschungen diesmal ungewöhnlich befangen wirkende Inspektor Kusanagi die naive, schwangere Hiromi verdächtigt, legt sich seine Assistentin Utsumi intuitiv auf die gleichermaßen am Boden zerstört scheinende Witwe Ayane fest. Als die Ermittlungen schon bald ergebnislos zu scheitern drohen und die Staatsanwaltschaft bereits die Einstellung der Untersuchungen erwägt, wendet sich Utsumi um Hilfe an Professor Yukawa, der nach langem Zögern wegen eines vollkommen unscheinbaren Details einwilligt.

Wir haben nicht die geringste Ahnung. Wir haben also eine Gleichung ohne Lösung vor uns. Obwohl es doch eine geben könnte.“
Eine Lösung?“
Allerdings ist sie rein theoretisch.“
Inwiefern theoretisch?“
Theoretisch ist sie denkbar, praktisch jedoch unmöglich. Es gäbe da einen Trick, aber es ist nahezu unmöglich, ihn durchzuführen.“
Utsumi zuckte die Achseln. „Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen. Heißt das, ich führe diese Untersuchung durch, um zu beweisen, dass die Tat unmöglich ist?“
Zu beweisen, dass es auf etwas keine Antwort gibt, kann auch wichtig sein. [...] Das ist eine Berufskrankheit bei Wissenschaftlern. Auch wenn eine Lösung nur theoretisch möglich ist, muss ich sie finden.“

Keigo Higashino

Das Ergebnis seiner akribischen Nachforschungen und sherlockhaft-zwingenden Überlegungen ist ebenso ungeheuerlich wie genial – und entlarvt am Ende (ähnlichwie im ersten Fall) das Mordopfer selbst als eigentliche pathologische Täterpersönlichkeit, deren Gefühlskälte und psychische Grausamkeit unwillkürlich Sympathien für die einsamen Beweggründe der dem Leser von Anfang an bekannten märtyrerhaften Täterin zu wecken vermögen. Deren ausführliche, intime Selbstreflexion beschließt das Buch auf melancholische Art und Weise und offenbart dabei erneut das herausragende Talent des Autors, die moderne urbane Gesellschaft Japans nicht nur in all ihren kulturellen Widersprüchen literarisch zu erforschen, sondern auch in ihren unbestreitbaren Stärken kongenial abzubilden. Keigo Higashinos kluge, empathische Romane sind mit ihren packenden, die Handlung vorantreibenden Dialogen, einem geradezu filmreifen Timing sowie ihrem bemerkenswerten Gespür für die irritierenden kleinen Zwischentöne der menschlichen Psychologie eine absolute Bereicherung für die internationale Krimilandschaft.

„Heilige Mörderin“, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, erschienen bei Klett-Cotta, 316 Seiten, € 19,95

Dienstag, 22. April 2014

„Schlump“ von Hans Herbert Grimm

Am 1. August dieses Jahres jährt sich zum hundertsten Mal der blindhaft-bündnistreue, sich für das Schicksal von ganz Europa schnell als verhängnisvoll erweisende Eintritt Deutschlands in jene apokalyptischen Kampfhandlungen, die nach vier Jahren erbittert geführter militärischer Materialschlachten und einem bis dahin ungeahnten Fanal von siebzehn Millionen sinnlos vergeudeter Menschenleben als Erster Weltkrieg in die menschliche Geschichte eingehen sollte und als kaum aufgearbeitetes kollektives Trauma von mystischen Dimensionen den blutigen Nährboden für den nur zwanzig Jahre später mit umso schrecklicherer blind entfesselter Gewalt zurückschlagenden Zweiten Weltkrieg bildete.



Bereits im Verlauf des letzten Jahres ist eine ganze Fülle von neuen hochinformativen, sorgfältig recherchierten und stilistisch wie inhaltlich ausgezeichneten Sachbüchern über diese europäische Ur-Katastrophe erschienen, die uns auf ebenso faktenreiche wie unvoreingenommene Art und Weise in unserem natürlichen Bestreben unterstützen können, zu einem umfangreicheren verstandesmäßigen Begreifen der historischen Ereignisse zu gelangen. Daneben war allerdings auch eine ganze Reihe von neuen Romanen zu diesem vielschichtigen Thema zu registrieren, die dem komplexen sachlichen Hintergrund die ganz unmittelbaren, persönlichen Auswirkungen des Krieges auf das Erleben des menschlichen Individuums hinzufügen.

Schlump stand oft vor seiner Ladentür und betrachtete das Leben und Treiben der kleinen Etappenstadt. Er sah die sauberen und wohlgenährten Etappenoffiziere vorbeigehen mit ihren blanken Gamaschen und nachlässig und elegant die armseligen Verwundeten grüßen, die sich bescheiden an die Wand drückten.

In diesem grundsätzlich lobenswerten Zusammenhang ist soeben unter nicht geringem medialem Blätterrauschen ein schon im Jahr 1928 anlässlich seines ersten Erscheinens von Verlegerlegende Kurt Wolff (1887-1963) offensiv beworbener Antikriegs- und Schelmenroman wieder neu aufgelegt worden, der seinerzeit ohne nennenswerte öffentliche Resonanz im übermächtigen Schatten des bahnbrechenden internationalen Bestseller-Erfolgs von Erich Maria Remarques nur wenige Wochen zuvor veröffentlichtem epochalen und auf kongeniale Art und Weise den Nerv der Zeit treffenden Roman „Im Westen nichts Neues“ unweigerlich untergehen musste und 1933 zu den wohl am wenigsten bekannten Werken unter jenen den Nationalsozialisten verhassten Büchern zählte, die von den neuen Matchhabern vor den Augen einer entrüsteten Weltöffentlichkeit verbrannt wurden.

Jetzt ging die Hölle los: Granaten, schwere, leichte, Schrappnells, Flachbahner, kleine, große, kleine, immer toller wurde die Schießerei, immer verrückter, Torpedominen, Brandminen. Man sah sie ganz deutlich glühen in der Luft, die Minen, große und kleine; dazu die Leuchtkugeln! Endlich kam auch unsere Artillerie, aber nur spärlich. Aber sie sausten ganz knapp über den Kopf, und drüben zerplatzten sie, ganz hart. Es war aufregend. Schlump mußte lachen; er lachte laut in den Höllenkrawall hinein. Das gefiel ihm.

Zerbombter Wald bei Ypern

Dass eben dieser Roman mit dem barock-ausufernden Titel „Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt 'Schlump', von ihm selbst erzählt“ heute allenfalls noch einigen Literaturwissenschaftlern oder wackeren Publizisten wie dem Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Volker Weidemann (der das vergessene Werk in sein verdienstvolles „Buch der verbrannten Bücher“ aufnahm und für die vorliegende Ausgabe ein absolut notwendiges und überaus erhellendes Nachwort verfasste) darf aus zeitgenössischer Sicht allerdings kaum verwundern: angelehnt an Grimmelshausens Schelmenroman „Simplicissimus“ wird darin die wenig mitreissende und sprachlich uninspiriert-kauzige Geschichte eines sprichwörtlichen Glückskindes erzählt, das sich wegen der schönen, von der holden Weiblichkeit allseits geschätzten Uniformen freiwillig zum Militär meldet, an der französischen Front neben zahlreichen unbeschwerten Liebschaften schließlich auch das Grauen des Stellungskriegs erlebt, woran er aber letztendlich aufgrund seines sonnigen Gemüts und seiner vorbehaltlosen Menschenliebe nicht zerbricht und schließlich sogar wohlbehalten nach Hause zurückkehren darf, wo er bereits unverhofft von einer treuen weiblichen Seele erwartet wird.

Und unten an den Stufen, vor dem Eingang, da stand jemand. Die heilige Johanne. Schlump stürzte auf sie zu: „Woher wußtest du?“ Sie sah ihn glücklich an. „Ich hab alle Tage auf dich gewartet“, sagte sie. Er schloß sie in die Arme und gab ihr vor allen Leuten einen Kuß. Dann zogen sie vereint zu seiner Mutter, die in diesem Augenblick nicht ahnte, daß die glücklichste Stunde ihres Lebens geschlagen hatte.

Die eigentliche Bedeutung des von dem Altenburger Gymnasiallehrer Hans Herbert Grimm (1896-1950) unter dem Eindruck der eskalierenden gesellschaftlichen Radikalisierung gegen Ende der Weimarer Republik lediglich anonym veröffentlichten Romans scheint sich somit erst durch die Geschichte seiner zeitgenössischen Nicht-Rezeption, seines späteren Verbots durch die Nationalsozialisten sowie die durch seine späte Wiederentdeckung erstmals offenbarten tragischen Lebens- und insbesondere Todesumstände seines unglücklichen Autors zu ergeben. Denn exemplarisch wird der „Schlump“ aus heutiger Sicht vor allem durch die darin geradezu visionär vorweggenommene Spiegelung eines dickfelligen, sich selbst als unpolitisch begreifenden kollektiven Mitläufertums, das schon den Ersten Weltkrieg vornehmlich als abenteuerliche Weltreise und zwiespältig-lebensgesättigtes Phänomen des Menschseins an sich betrachtet hatte und so gleichermaßen unbedarft schließlich auch in die unvorstellbaren Verbrechen des Zweiten Weltkriegs hineinstolperte, ohne sich seiner Mitverantworung bewusst zu werden. In bestimmten Grenzsituationen jedoch – so die Erkenntnis aus dieser für viele Deutsche während des Nationalsozialismus wohl durchaus charakteristischen Grundeinstellung – reicht es nicht zu wissen, dass man selber gut und unschuldig ist.

Hans H. Grimm/Foto: privat

Für seinen heranwachsenden Sohn führte Grimm „als ein närrisches Erinnerungsstück aus meiner zweiten Kriegszeit“ während des Zweiten Weltkriegs eine Art Tagebuch:

Letzten Endes sind wir alle einsam, in eine feste Schale eingeschlossen, aus der es keine Ausgänge gibt. Und jeder lebt sein Leben mehr oder weniger dumpf, mehr oder weniger bewußt und wach. Das ist eine heilsame Einsicht, die das Leben erleichtert und Fehlschläge erspart. Deshalb ist es ebenso heiter, ebenso reich, bunt, wunderbar und ergreifend. Man muß sich diese Freude an der Buntheit, an der unfaßlichen Schönheit, die es auf Schritt und Tritt bietet, nicht trüben lassen, sondern sie immer und überall dankbar empfinden – wissen, daß sie der unerschöpfliche Ausfluß ist einer heimlichen und alles durchströmenden Harmonie. Und an diese geheime Wirklichkeit, die Harmonie des Universums, die Du im kleinsten und größten findest, muß man Anschluß finden, dann strömt sie in Dich und erfüllt Dich und durchströmt Dich und leuchtet aus Dir heraus und schafft Dir geheime Verbündete, die Dich mit ihrer Kraft in der Seele stärken und Dich schlank und biegsam machen, wenn das Leben stürmt und starke Stämme fällt und zerbersten läßt.“

Hans Herbert Grimm selbst hielt seinen Roman bis zuletzt für ein wichtiges Buch von hohem literarischem Rang, dessen Zeit seiner Meinung nach unweigerlich kommen müsse: „Es wird allerdings langsamer gehen als es meiner Geduld gefällt“. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, mauerte er sein Manuskript weitsichtig in die Hauswand ein, später trat er „sicherheitshalber“ in die Partei ein, um weiterhin unbehelligt unterrichten zu können und sich somit ein gewisses Maß an Ungehorsam zu erhalten. Seine unermessliche Tragik besteht vor allem in der Tatsache, dass er sich erst zu seiner Autorschaft bekannte, als er sich einen direkten persönlichen Nutzen davon versprach: die DDR-Organe hatten ihn als ehemaliges NSDAP-Mitglied aus dem Schuldienst entlassen und mit dauerhaftem Berufsverbot belegt – für den leidenschaftlichen Lehrer eine persönliche Katastrophe. Zwei Tage nach einer letzten dringlichen Unterredung mit den maßgeblichen Behörden nahm Hans Herbert Grimm sich in seinem Haus das Leben.

„Schlump“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 348 Seiten, € 19,99

Mittwoch, 2. April 2014

„Der König von Midian“ von Julius H. Schoeps

Im November 1891 brach unter dem Kommando des wohlhabenden Berliner Historikers und Philanthropen Paul Friedmann an Bord von dessen Dampfyacht Israel eine denkwürdige Expedition russischer Juden von Bremerhaven nach Ägypten auf, die der stets auch für die abseitigeren Phänomene der jüdischen Historie offene Begründer des renommierten Moses-Mendelssohn-Zentrums an der Universität Potsdam, Julius H. Schoeps, in seinem neuen, aufschlussreichen dokumentarischen Buch „Der König von Midian“ recht zutreffend als lediglich kuriose pittoreske Fußnote der Geschichte des politischen Zionismus einordnet.



Die prekären Lebensverhältnisse der Juden im zaristischen Russland unter der ständigen Bedrohung der sich regelmäßig immer wieder aufs Neue blutig entfesselnden und von der Zentralmacht nicht energisch genug unterbundenen Pogrome hatten den für seine zahlreichen wissenschaftlichen Werke über das Tudor-Zeitalter in ganz Europa geachteten Paul Friedmann (geboren 1840/gestorben nach 1911) schon recht früh dazu veranlasst, sich wie viele andere seiner Zeitgenossen dezidierte Gedanken über die mögliche Schaffung einer neuen sicheren Heimat für verfolgte Juden außerhalb von Europa zu machen. Anders als der gebürtige Münchener Baron Maurice de Hirsch (1831-1896), der als einflussreicher Bankier höchst erfolgreich Siedlungsprojekte in Argentinien (Moises Ville) und Kanada förderte, sah Friedmann diese mögliche neu zu schaffende Heimat allerdings im Norden der Arabischen Halbinsel, namentlich auf dem schmalen Küstenstreifen südlich von Akaba schräg gegenüber der Sinai-Halbinsel, dem biblischen Midian.

Dieser heute zum Staatsgebiet Saudi-Arabiens zählende, eher unbedeutend erscheinende Landstrich hatte aus Sicht des Berliner Historikers indes zwei entscheidende Vorteile: erstens musste der enge Bezug zur historischen geographischen Heimat der jüdischen Religion auch dem Außenstehenden vollkommen offensichtlich erscheinen und zweitens handelte es sich hierbei um eine nahezu menschenleere, nach Meinung zahlreicher mit den lokalen Bedingungen vertrauter westlicher Forscher für Siedlungsprojekte nicht gerade ungeeignete Region, die nach der gängigen Rechtsauffassung des seit Anfang des Jahrhunderts nunmehr unabhängigen Ägyptens zudem demjenigen zuzufallen habe, der sie aktiv bewirtschafte.



Die bemerkenswerte Tatsache, dass Friedmann sich im Gesamtkontext des seinerzeit vorherrschenden aggressiven europäischen Kolonialismus nach verschiedenen praktischen Erwägungen für ein weniger prestigeträchtiges Siedlungsgebiet entschied, in dem jedoch – anders als im von den Vordenkern des politischen Zionismus von jeher favorisierten Palästina – nicht mit nennenswertem Widerstand einer dort seit Generationen fest ansässigen Bevölkerung zu rechnen sein würde, verdient zweifellos gerade aus heutiger Sicht und in Kenntnis der fatalen Auswirkungen der bewussten Negierung arabischer Interessen bei der Staatsgründung Israels eine besondere Würdigung.

In augenfälligem, ausgesprochen kauzigem Kontrast zu dieser scheinbar unzeitgemäßen, auf friedlichen Ausgleich bedachten Grundhaltung engagierte Friedmann als ihm untergeordnetes Führungsteam für sein Siedlungsprojekt schon in der komplizierten Vorbereitungsphase eine Gruppe ehemaliger preussischer Offiziere, die den zukünftigen jüdischen Kolonisten zu Selbstverteidigungszwecken eine umfangreiche militärische Grundausbildung zuteil werden lassen sollten. Ausgerechnet diese Maßnahme sollte sich schon bald nach der Ankunft in Suez am 1. Dezember 1891 als absolut fatal für die Motivation der vierundzwanzig Teilnehmer erweisen, die sich schon vor der Weiterreise nach Scherm el-Moyeh, dem auf der Sinai-Halbinsel gelegenen Basislager zur intendierten Erkundung des eigentlichen Siedlungsgebietes, plötzlich einem wohl angesichts der Umstände vollkommen übertriebenen militärischen Drill ausgesetzt sahen.

Und während selbst einzelne kleine Details des Projekts augenscheinlich höchst akribisch ausgearbeitet waren und aus heutiger Sicht zumindest in theoretischer Hinsicht noch äußerst durchdacht erscheinen, hinterlässt der Prozess der ganz konkreten praktischen Umsetzung von Friedmanns Theorien von Beginn an – etwa bei der allzu kurzfristigen Anwerbung der zukünftigen Kolonisten unter armen, aus Russland geflüchteten und in Krakau gestrandeten Juden – den Eindruck von erschreckender Halbherzigkeit und zauderhaft-unentschlossener, kaum auf Nachhaltigkeit bedachter Beliebigkeit, so dass ein Scheitern der Expedition trotz peinlich genau ausgearbeiteter Verträge über deren Inhalt im Rückblick als nahezu unvermeidlich charakterisiert werden muss.

Das endgültige und für Paul Friedmann nicht nur in finanzieller Hinsicht ausgesprochen bittere Scheitern seines ambitionierten noblen Projekts innerhalb von nur zwei Monaten besitzt nahezu alle Zutaten, die eine gelungene Farce als beispielhafte Zeitkritik braucht: wilde Beduinen, osmanische Soldaten, Winkelzüge der internationalen Diplomatie, Meuterei, Bestechung, einen tragischen Todesfall sowie zahlreiche denkwürdige Auftritte des Expeditionsleiters in farbenfrohen Fantasieuniformen sowie mit einer martialischen Bewaffnung, die selbst Karl May zur Ehre gereicht hätte. All diese grotesk scheinenden, für Zeit und Ort jedoch durchaus charakteristischen Umstände bieten mehr als genug Unterhaltungswert, um Friedmanns Expedition zum dankbaren Objekt künftiger Filme oder Romane zu machen – wofür Julius H. Schoeps gründlich recherchiertes Buch eine Fülle von interessanten Details und aufschlussreichen Originaldokumenten in Form von authentischen Briefen und sonstigen Zeitzeugnissen liefert.

Julius H. Schoeps

Die nach seiner Rückkehr aus Ägypten äußerst unstet verlaufende Lebensspur Paul Friedmanns verliert sich nach 1911 endgültig. Das klägliche Scheitern seines Midian-Projekts sowie die damit verbundenen vehementen öffentlichen Anfeindungen in seiner preussischen Heimat, die in mehreren wenig erfolgreichen Gerichtsprozessen mündeten, hatten ihn nicht nur eines großen Teils seines nicht unbeträchtlichen Vermögens beraubt, sondern ihn auch nachhaltig verbittert und seiner kreativen Schaffenskraft beraubt. Tragischerweise hätte sein ehrgeiziges Vorhaben, russische Juden auf der arabischen Halbinsel anzusiedeln, jedoch auch bei sorgfältigerer Auswahl der Expeditionsteilnehmer und einem umsichtigeren Krisenmanagement zwangsläufig scheitern müssen:

Aufgrund einer nahezu zeitgleich mit Beginn der Expedition erfolgten symbolischen Besetzung des Zielgebiets durch osmanische Truppen und einer dadurch ausgelösten kleineren diplomatischen Krise, zu deren Lösung schließlich auch die gierig nach Einfluss im Nahen Osten strebenden europäischen Großmächte aktiv beitragen konnten, durfte sich Friedmann letztlich keinerlei offizieller Unterstützung mehr für sein Unternehmen gewiss sein, weder von ägyptischer Seite noch von westlicher. Hier wird gerade in der grundlegenden Analyse des unkalkulierbaren Zusammenspiels des Zufalls mit den unterschiedlichsten politischen Interessen und Machtfaktoren am Ende beispielhaft deutlich, wie leicht die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina ebenfalls lediglich als Fußnote in die Geschichte hätte eingehen können.

„Der König von Midian“, erschienen bei Koehler & Amelang, 223 Seiten, € 29,95

Samstag, 29. März 2014

„Seeherzen“ von Margo Lanagan

Eine der ungewöhnlichsten und interessantesten Buchneuerscheinungen dieses Frühjahrs, Margo Lanagans wunderbarer, vielstimmiger Entwicklungsroman „Seeherzen“, wird es in seiner deutschen Übersetzung gleich doppelt schwer haben, neugierige und unvoreingenommene Leser für sich zu gewinnen, weil er zum einen völlig unnötigerweise als Jugendbuch für die fragwürdige, weil rein hypothetische und tatsächlich nicht existente „letzte Altersstufe vor dem Erwachsensein“ vermarktet wird und andererseits aufgrund seines überaus originellen, mystisch-märchenhaften, in Wahrheit aber dem magischen Realismus zuzuschreibenden Grundmotivs fälschlicherweise ins Fantasy-Genre eingeordnet wird, wo er aufgrund seines großen gedanklichen und erzählerischen Reichtums sowie angesichts seines auch tiefenpsychologisch weit ausdeutbaren Inhalts weder hingehört noch Leser finden wird.



Tatsächlich lässt sich Margo Lanagans ebenso fantasievoller wie vielschichtiger Roman inhaltlich am ehesten als ein kongenial in episches Format übertragenes Grimmsches Märchen beschreiben, bei dem das eigentliche Märchenmotiv in seiner unverwüstlich-vitalen Aussagekraft immer wieder aufs Neue und dabei abwechselnd aus den unterschiedlichsten Zeit- und Erzählperspektiven betrachtet wird, woraus sich am Ende des Buches ein geradezu berückend schönes, absolut stimmiges Gesamtbild von universeller Wahrheit ergibt, in dem wir uns als Leser in unserer ureigenen, alles andere als märchenhaften Realität perfekt gespiegelt wiederfinden können.

Ich schloss die Augen und verbarg mein Gesicht in ihren Haaren; ich spürte ihre schmalen Arme um mich herum, hörte ihre tiefe Stimme, in der keinerlei Zorn und Vorwurf lagen. Such in den Armen dieses Monsters Trost, hatte Kitty gesagt. Doch ich suchte keinen Trost, sondern Wahrheit – die Wahrheit über mich selbst, einen Mann, der nichts vortäuschte, nicht nach einem protzigen Haus, seltenen Gegenständen oder beeindruckenden Freunden strebte; ein Mann, der vollständig war, der in sich ruhte und genau wusste, wer er war, so beschämend oder bedauernswert das auch sein mochte.

Angesiedelt ist „Seeherzen“ auf der fiktiven, mystisch-archetypische Züge tragenden Insel Rollrock Island, die wir aufgrund der sich im Verlauf der Lektüre nach und nach zusammensetzenden Beschreibung ihrer Geographie irgendwo im Norden der Britischen Inseln am Ende des Neunzehnten oder – trotz einiger von der Autorin offenbar bewusst gesetzter Widersprüchlichkeiten bezüglich der technischen Entwicklung – am Anfang oder sogar in der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts verorten dürfen: ein karges, weltabgeschiedenes Eiland, dessen in ihrer äußeren Erscheinung als bäuerlich-plump geschilderte, überwiegend rothaarige Bevölkerung vor allem vom Fisch- und Robbenfang lebt.

Rollrock Island?

Die geistig hellwache heranwachsende Miskaella Prout, jüngste Tochter einer kinderreichen Familie, fühlt sich seit frühester Kindheit wie magisch angezogen vom uralten Lagerplatz der Robbenfamilien am Strand von Crescent Cove. Als sie sich im Verlauf der Jahre zunehmend ihres eigenen Körpers bewusst zu werden beginnt, stellt sie zu ihrer großen Überraschung fest, dass diese Faszination offenbar auf Gegenseitigkeit beruht und auch die Meeressäuger auf wundersame Art und Weise ihre Nähe zu suchen scheinen. Als eines frühen Morgens ganze Herden von Robben vor dem meerfernen Haus der Familie lagern, ergreift ihre Familie äußerst schmerzhafte „Schutzmaßnahmen“, die das arglose junge Mädchen noch nachhaltiger brandmarken und isolieren als je zuvor, und während ihre älteren Schwestern nach und nach Männer zum Heiraten finden und das Elternhaus verlassen, bleibt sie allein mit ihrem von einem Schlaganfall schwer gezeichneten Vater und der hartherzigen, lieblosen Mutter zurück.

Ich hatte gesehen, was ich sehen wollte. Jede Robbe war von etwas durchzogen, das ich für zufällig verteilte Lichter gehalten hatte, die alle dieselbe Funktion besaßen und eins so hell wie das andere strahlten. In Wahrheit stellten sie im Ansatz vorhandene Teile des menschlichen Systems dar. [...] Bei noch genauerem Hinsehen – doch die aufgeregten Bewegungen der Robbenherde hätten mich verraten, wenn ich noch länger hingeschaut hätte – wäre zu erkennen gewesen, wie und auf welchen Wegen sie alle zusammengeführt werden mussten, um zu einer vollständigen menschlichen Form zu verschmelzen. [...] Jede einzelne dieser Knospen oder Sterne, dieses Flimmerns oder dieser Geister musste erfasst und zum Zentrum dirigiert werden. Ich begriff das volle Ausmaß des vor mir liegenden Unterfangens und wie kompliziert es werden würde.

In einer lauen Frühsommernacht schleicht sich Miskaella aus dem Haus und steigt den Berg hinunter zur Crescent Cove, wo sie zunächst ihr Schutzamulett und dann ihre Kleider ablegt, um mit Hilfe ihrer angeborenen Zaubergabe einen „Robbenmann“ aus dessen ledriger Tierhaut zu befreien und sich wie selbstverständlich im Mondlicht mit ihm zu paaren. Aus dieser vollkommen undenkbaren, seltsam innigen Verbindung geht ein kleinwüchsiger Sohn hervor, den die von intensiver Mutterliebe erfüllte Miskaella ein ganzes Jahr lang erfolgreich vor der meist in den Haushalten ihrer anderen Töchter aushelfenden Mutter zu verbergen vermag. Als der liebevoll von ihr umsorgte kleine Ean nach all dieser Zeit immer noch nicht weiter gewachsen ist, wird ihr jedoch mit brutaler Gewissheit klar, dass seine eigentlich Heimat das Meer sein muss. Sie näht ihm eine Haut aus Tierleder und Seetang und trägt ihn schweren Herzens zurück an den Strand, wo sie ihn den Wellen übergibt.

Margo Lanagan

Margo Lanagans ausgesprochen fesselnd zu lesender, trefflich beobachteter und hoch poetischer Roman, dessen einzige originär „jugendliche“ Eigenschaft sein unbestechlich-offener, kindlicher Blick ist, geht auf eine frühere Kurzgeschichte der Autorin aus dem Jahr 2009 zurück, die ebenfalls noch deutlich erkennbar als einzelnes, auffällig dicht erzähltes Einzelkapitel im Buch enthalten ist. Die beeindruckende Geschichte von Miskaella, die auf kunstvolle Art und Weise den Prozess einer psychischen Entwicklung als ebenso anspruchsvolle wie inspirierende äußere Handlung abbildet, liefert dabei allerdings nur den individuellen Hintergrund und die unerlässliche Vorbedingung für die weiteren seltsam schönen, tragischen und wundersamen Ereignisse auf Rollrock Island.

Denn obwohl die märchenhafte Rückverwandlung von Miskaellas unglücklichem Sohn gelingt und dieser eine neue schwerelose Heimat im Meer findet, verändert die schicksalsträchtige Nacht das Wesen der jungen Frau nachhaltig, die von künftigen Generationen als ebenso missgestaltete wie dauerhaft schlecht gelaunte, stigmatisierte „alte Hexe“ stets gefürchtet und gemieden wird, obwohl sie sich mit ihren unbestreitbaren, von allen Männern dankbar genutzen und dennoch niemals laut ausgesprochenen Zauberkräften längst zur mächtigsten und reichsten Frau der Insel entwickelt hat. Denn die alte Miskaella versteht sich darauf, in Vollmondnächten die schönsten, verführerischsten und unwiderstehlichsten „Robbenfrauen“ aus ihren Meereshäuten zu befreien und sie den Männern der Insel gegen Zahlung einer großzügigen Rente auf Lebenszeit als willkommene Bräute zuzuführen.

Also gut...“ Der freche Kerl war nicht einmal ansatzweise verlegen. „Es heißt, du besitzt die Gabe. Ich wollte fragen, ob du mir eine Robbe holen kannst.“ Als ich nicht antwortete, fügte er hinzu: „Eine Frau aus einer Robbe, meine ich. So wie die von gestern.“

Diese Art der Rache verändert Rollrock Island vollständig, denn selbst jene gestandenen Männer und scheinbar liebevollen Familienväter, die bereits mit rothaarigen Menschinnen verheiratet sind, vermögen sich dem Zauber der sanften Meereswesen mit ihrem grazilen Körperbau und ihren seidig-glänzenden, langen glatten Haaren und ihrem natürlichen Verständnis von Sexualität nicht dauerhaft zu entziehen, wispern nachts in verborgenen Höhlen ungläubig „Was machst du mit mir, meine Schöne!“ oder verbergen ihre heimliche Beute vor den Blicken ihrer Ehefrauen und Kinder tagsüber im neu zusammengezimmerten Schrank im Geräteschuppen hinter dem Haus. Und es entstehen zahlreiche weitere Kinder aus diesen unstatthaften Beziehungen: manche müssen dem Meer übergeben werden, aber viele leben an Land und wachsen zu fühlenden, denkenden Menschen heran...

Es war für mich eben gerade das erste Mal, dass ich eine Mum gesehen habe, die gerade frisch aus dem Meer kommt“, hörte ich mich entschuldigend sagen.
Oh, noch ist sie keine Mum“, meinte Mum. „Zumindest nicht an Land. Es kann aber sein, dass sie schon mehrmals Junge bekommen hat und sie im Meer zurücklassen musste.“
Das stimmt“, sagte ich. „Heißt es nicht auch in den Geschichten, dass sie zwischen ihren beiden Arten von Kindern hin- und hergerissen sind?“

Dies jedoch ist immer noch erst der Anfang einer absolut faszinierenden Geschichte – mehr über den weiteren Verlauf der ereignisreichen Handlung zu verraten, würde der Lektüre einen großen Teil seines erheblichen Zaubers nehmen. Margo Lanagan ist ein wirklich außergewöhnlicher Roman von beeindruckender, tief verinnerlichter, ehrlicher Mitmenschlichkeit gelungen, der sich ebenso mutig wie erfolgreich jeglichem Versuch der Kategorisierung von außen entzieht: in dieser unvergesslichen Geschichte gibt es weder Täter noch Opfer. Die Autorin schildert den unverhofften Einbruch des unbestreitbar Schönen und Unbeschwerten in die rauhe Welt von Rollrock Island zu keinem Zeitpunkt ihrer virtuosen Erzählung als fragwürdiges Teufelswerk, nicht einmal aus der Perspektive der so bitter um ihr Lebensglück betrogenen Menschenfrauen, sondern stets aus dem verständnissinnigen, zärtlich-reifen Blickwinkel liebevoller Empathie. Auf diese Art und Weise werden die märchenhaften Ereignisse von Rollrock Island für den Leser nicht nur intuitiv als Ausdruck menschlicher Träume und Sehnsüchte unmittelbar erfahrbar, sondern auch zum möglichen Ausgangspunkt einer überaus reizvollen, umfassenden tiefenpsychologischen Deutungsvariante. Es bleibt zu hoffen, dass dieser außergwöhnliche Roman auch außerhalb seiner auf fragwürdige Art und Weise allzu eng umrissenen Zielgruppe viele begeisterte Leser finden wird.

„Seeherzen“, aus dem Englischen von Mayela Gerhardt, erschienen bei Rowohlt Rotfuchs, 333 Seiten, € 16,99


Dienstag, 11. März 2014

„Safari, innere Wildnis“ von Andrea Grill

Der deutsche Buchmarkt ist in seiner von der Verkaufserwartung diktierten grundsätzlichen Struktur schematisch genug, um innerhalb seiner beiden wesentlichen Veröffentlichungszeiträume, die interessanterweise zwei durchaus auch metaphorisch zu verstehenden natürlichen Jahreszeiten zugeordnet sind, zwischen sogenannten Herbsttiteln auf der einen Seite zu unterscheiden sowie Frühjahrstiteln auf der anderen. Während es also trotz der erklärten Autonomie guter Literatur nach dieser marktgerechten Definition Bücher zu geben scheint, die üblicherweise nicht in die eine oder andere Jahreszeit passen und deren Veröffentlichung deshalb im schlimmsten Fall auf den entsprechenden Zeitpunkt verschoben werden muss, gehört der soeben erschienene wunderbare zweite Gedichtband der österreichischen Lyrikerin Andrea Grill zu jenen Büchern, bei denen die Entscheidung für den Frühling zumindest deshalb nachvollziehbar ist, weil der Charakter der Jahreszeit dem in ihren Versen vermittelten Lebensgefühl auf nahezu perfekte Art und Weise zu entsprechen scheint:


birneessend kann die Welt

nicht untergehen


So lautet die möglicherweise schönste, mit Sicherheit aber bei weitem einprägsamste Zeile im lange erwarteten neuen Band der 1975 in Bad Ischl geborenen promovierten Biologin und bereits vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin und Übersetzerin, der wie kaum ein anderer in ihrem Buch geeignet ist, um auf Postkarten und T-Shirts gedruckt zu werden und auf diese Weise die Welt mit einer neuen poetischen Sichtweise zu bereichern. 




 Denn auch wenn die natürlichen Jahreszeiten in der Lyrik Andrea Grills eine große Rolle spielen, wird gerade in diesen eindringlichen Versen exemplarisch deutlich, wie unabhängig von jeglichen äußeren Anlässen, universell und heilsam das darin vermittelte Bild ist und wie sehr wir einer präzise vermittelnden Lyrik bedürfen, die auf vollkommene Art und Weise in der vitalen Gegenwart des sinnlichen Erlebens angesiedelt sind.


Muss die Zeit in Stücke geschnitten

mit Butter bestrichen

essen


verlasse mich auf deinen Körper

wo ich nur den Stoff

kenne glatt sauber genäht



Andrea Grills Gedichte atmen auf geradezu magische, schwerelose Art und Weise Leichtigkeit, ohne dabei jemals als zu leicht oder belanglos befunden werden zu können – hier scheint die Verbindung zum Promotionsthema der Autorin unmittelbar spürbar, in welchem sie die Evolution endemischer Schmetterlingsarten in Sardinien untersucht hatte; sie vermögen mit wissenschaftlich exakter Sprache, rationalem Urteilsvermögen und akkurat abgewogenem, unverkennbar eigenständigem und überlegenem sprachlichen Ausdruck sowie einer erfrischend neuen poetischen Sichtweise auf kongeniale Art und Weise gerade das scheinbar im Gegensatz zu diesen, im übrigen auch auf den Prozess des Lesens auszuweitenden Attributen stehende Flüchtige in einem Gefühl, einer Wetterlage, einer Tageszeit oder einem kaum sichtbaren Entwicklungsschritt zu beschreiben, als wäre man im unmittelbaren Erleben oder in der erinnernden Selbsteflexion mit der Autorin gleichzeitig.


Daumen Zeige Mittel

den Ringfinger nimmt keiner,

achtzehn Jahre lang

Abdruck von jedem Besucher

auf dem Metall,

wie auf dem Fuß dieser Statue a Roma,

ungezählte weiche Hände

schleifen jeden Stein;


mir leben vorzustellen wie einen Fluss

gelingt nicht

das Leben ist eine Klingel

auf die ich heute nur 1x drücke


Andrea Grills Gedichte sind in vielfältiger Weise ebenso unmissverständlich wie nachhaltig belebt: da hätten runde kugelige Nachtgeister im Garten gern mehr von der menschlichen Liebe gesehen. Oder sind etwa auch Bäume am schönsten, bevor sie schlafen. Einstmals schmetterlingsgleiche, getrocknete Liebesversprecher im Herbarium halten länger als ein Menschenleben. Andrea Grills wunderbare sprachspielerische, fest in der Gegenwart des sinnlichen individuellen Erlebens verortete, hoch intelligente und lebenskluge Poesie ist besonders deshalb ein großes Geschenk für den Leser, weil sie uns geistesblitzartig immer wieder die Schönheit und den von zahlreichen Gegensätzen und Widersprüchlichkeiten beseelten Reichtum des Lebens offenbart.


Andrea Grill/Foto: L.E.L. Raijmann



Andrea Grill beherrscht die große Kunst der feinsinnigen, erotischen Anspielung – ihre eindringlichen Liebesgedichte an das Leben werden stets von einer sensibel-verhaltenen, empathisch-zärtlichen und dennoch direkten inneren Stimme genuiner Intimität getragen, die wirkliche Nähe (in jeglicher Hinsicht) überhaupt erst zulässt. Dabei verhandelt die originelle Autorin durchaus große Fragen, wenn auch meist mit dem geschulten Blick der Biologin für das kleine Detail als Indiz für größere Zusammenhänge. Ihre Verse wirken nie aufgesetzt oder effekthaschend, sondern bleiben selbst in Momenten humorvollen Augenzwinkerns stets von großer poetischer Wahrhaftigkeit.

In der Stadt

riecht's nach Linden,

morgen ist morgen

was will ich mehr;

höchstens dass

morgen doppelt wär.


Andrea Grills unnachahmliche, Leben atmende Verse passen zweifellos wunderbar in den Frühling – aber gerade deshalb bedürfen wir ihrer vielleicht umso dringender in Herbst und Winter, gleichsam als prächtige, literarische Schmetterlingssammlung, die uns beharrlich dazu ermutigt, das Leben ebenso mit wachen Sinnen auszuprobieren wie wir mit scharfem Verstand immer wieder auch darüber nachdenken müssen. Auf diese Weise gelingt es der Autorin höchst elegant, zwei wesentliche, von der Literaturkritik immer wieder als unvereinbar herausgestellte, scheinbare Gegensätze aufs Gelungenste miteinander zu versöhnen, was gerade für den ganz gewöhnlichen, unvoreingenommenen Leser besondere Bedeutung haben dürfte. Es ist schön, dass Andrea Grill das große, sich aus ihrem ersten Gedichtband „Happy Batards“ (2011) ergebende Versprechen nun so virtuos und eindringlich bestätigt hat.



„Safari, innere Wildnis“, erschienen im Otto Müller Verlag, 78 Seiten, € 18,-


Sonntag, 9. März 2014

„Die Hände des Pianisten“ von Yali Sobol

Wie leicht und nahezu unmerklich der Übergang vom Rechtsstaat zum Totalitarismus in Zeiten von Krieg oder vorgeblicher allgemeiner Krise von einem skrupellos berechnenden Regime bewerkstelligt werden kann, das unter der Prämisse des Allgemeinwohls und kurzfristig konsensfähiger sogenannter „notwendiger“ Maßnahmen seine Option auf die totale Macht wahrnimmt, zeigt der israelische Schriftsteller und Musiker Yali Sobol (Sohn des Dramatikers Jehoschua Sobol) auf meisterhafte Art und Weise in seinem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Die Hände des Pianisten“, einer mit unaufdringlicher Doppelbödigkeit und großem inneren Verständnis für die subtilen Funktionsweisen des Terrors ausgestatteten, großartigen literarischen Parabel, die überaus geschickt mit unserer optimistischen Erwartungshaltung sowie unserem natürlichen Gerechtigkeitsempfinden spielt.




Dabei lässt der in Israel vor allem durch seine Band Monica Sex zu Kultstatus gelangte Schriftsteller seine beunruhigende Dystopie schon mit einem gängigen zionistischen Denkverbot beginnen, um Schauplatz und zeitlichem Rahmen seines Romans in fragmentarischer Kürze treffend zu beschreiben: „Tel Aviv, nach dem nächsten Krieg“. Die Metropole am Mittelmeer ist während des nicht näher umschriebenen Kriegsverlaufs durch zahlreiche feindliche Raketentreffer erheblich zerstört worden, ihre Bewohner sind noch vollauf damit beschäftigt, sich wieder halbwegs in ihrem altvertrauten Leben einzurichten. Maßgeblich verantwortlich für das schnelle Ende eines für Israel eigentlich schon verloren geglaubten Krieges ist offenbar ein erfolgreicher Putsch einer kleinen Gruppe von Generälen, dem unter anderem der Generalstabschef und der rechtmäßig gewählte Ministerpräsident zum Opfer gefallen sind:

Das einzige, was der Öffentlichkeit offiziell bekannt gemacht wurde, war das über die Medien am Abend der Explosion verbreitete Bulletin des stellvertretenden Oberbefehlshabers, Generalmajor Menachem „Meni“ Schamai. Er gab einen kurzen Bericht über die Katastrophe ab und teilte dann mit, in Absprache mit dem Staatspräsidenten, dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofs und dem Rechtsberater der Regierung sei ein Übergangsoberkommando unter seiner Leitung eingerichtet worden, in dem hochrangige Vertreter aller Regierungsstellen vertreten seien. Das ÜOK, so Schamai, werde die Führung der Staatsgeschäfte bis zum Ende des Krieges übernehmen und „Das Schiff an sichere Gestade steuern“.

Sehr gekonnt demaskiert Yali Sobol bereits hier die plumpe, selbstgefällige, sich volksnah-solidarisch gebende, schnarrige Vertraulichkeit der israelischen Militärs, wie sie auch heute wie selbstverständlich an der Tagesordnung ist, als allgegenwärtige, ganz reale potenzielle Gefahr für die israelische Demokratie sowie für eine perspektivisch sinnvollerweise zu schaffende Zivilgesellschaft, die diese Bezeichnung in vollem Maße verdient. In Sobols Roman ist freilich auch nach Ende des fiktiven Krieges keine Rede mehr von einer möglichen Rückkehr zu den demokratischen Strukturen des Status quo ante: eine Reihe von Notstandsverordnungen zementiert die Macht des Generalstabschefs und seines ÜOK und ermächtigt insbesondere die Polizeiorgane bei Bedarf zum Einsatz aller „notwendigen Mittel“.

Sie hatten keinen Haftbefehl, aber Vizekommandant Levi wusste, das würde nicht sein Problem werden. In den letzten Monaten, seit die Notstandsverordnungen in Kraft getreten waren, hatte sich das Verhältnis der Bürger zur Polizei spürbar verändert. Levi hatte diese Veränderung immer wieder in seinem Verhörraum beobachten können. Das war schon nicht mehr die alte generelle, mit Aversion einhergehende Furchtsamkeit, die sich in Ergebenheit ausdrückte, vermischt mit nur mühsam unterdrückter Aufsässigkeit. Jetzt war es echte Angst. Die Polizei hatte Mittel und Unabhängigkeit bekommen, wie sie sie noch nie gehabt hatte, und machte naturgemäß begeistert davon Gebrauch. Für korrupte Polizisten oder einfach nur Sadisten war die neue Situation das Paradies. Manche Leute machten unliebsame Erfahrungen. Schlimme Dinge, über die man sich bei niemandem beschweren konnte. Die Botschaft kam überraschend schnell in der Öffentlichkeit an: Mit der Polizei legte man sich besser nicht mehr an.

Der Autor zeigt mit heimtückischer Bravour und aus stetig wechselnder Perspektive seiner auf unterschiedlichen Seiten stehenden Protagonisten, wie leicht man unter den Bedingungen einer sich frisch entspinnenden Diktatur selbst als vollkommen harmloser, unpolitischer und weitestgehend gesetzestreuer Staatsbürger in die gleichgültigen Klauen eines sich in zunehmendem Maße selbst legitimierenden Polizeiapparats geraten kann. In Sobols Roman trifft es den hochbegabten klassischen Pianisten Joav Kirsch, dessen einst hoffnungsvolle Karriere stagniert, seitdem er die magische Altersgrenze von dreißig Jahren überschritten hat, was ihn nicht weiterhin zur lukrativen Teilnahme an hochdotierten Wettbewerben in Europa und den USA qualifiziert. Seit Ende des Krieges besteht seine einzige kümmerliche Einnahmequelle aus wenigen armseligen Auftritten unter vollkommen unprofessionellen, improvisieten Umständen im Staatsdienst, mit denen die Moral der Bevölkerung gestärkt werden soll.

Ayalon-Highway, Tel Aviv

So ist es zunächst seine Ehefrau Chagit, die als vielbeschäftigte Cutterin bei den Fernsehnachrichten für den Lebensunterhalt des kinderlosen Paares aufkommen muss. Als sich aufgrund der neuen restriktiven Ausreisebestimmungen auch eine seit langem geplante Europatournee zerschlägt und die zunehmend angespannte häusliche Situation die in langjähriger, aufrichtiger zärtlicher Liebe Verbundenen zu entzweien droht, gibt Joav schließlich dem Drängen eines ebenso wohlhabenden wie einflussreichen mysteriösen Bewunderers nach, regelmäßig in dessen Haus musikalische Soireen abzuhalten – ein Entschluss, der nicht nur seine finanzielle Situation deutlich verbessert, sondern den weltfremden Träumer auch wieder Anteil am gesellschaftlichen Leben nehmen lässt.

Ich kann nicht glauben, dass wir uns wegen ein paar Tomaten und einer Packung Hüttenkäse angebrüllt haben“, sagte er. Sie drehte sich zu ihm um. Die schrecklichen Gedanken, die ihr in der Nacht durch den Kopf gegangen waren, trafen sie für einen Moment wie ein Schlag, ließen ihren Magen verkrampfen und verflogen sogleich beim Anblick seines kindlichen Morgengesichtes auf dem Kopfkissen, das sie erwartungsvoll ansah.“Ich auch nicht.“Sie setzte sich im Schneidersitz vor ihn. Seine Hand tastete sich auf dem Laken voran und ergriff die ihre. „Das ist genau, was die wollen“, murmelte sie. Sie hatte keine Ahnung, wen sie mit „die“ meinte, aner diese „die“ gab es, und Joav und sie waren wie zwei Mäuschen in ihrem Versuchslabor.

Währenddessen muss sich der resignierte Polizeioberinspektor Itzak Levi, ein ehemaliger Philosophiestudent und einstmals leidenschaftlicher Schauspielschüler, gleichsam als letzte persönliche Bewährungsprobe, die ihm von seinen neuen Vorgesetzten gewährt wird, im Rahmen einer neuen, zunächst nur aus seiner eigenen Person bestehenden Spezialeinheit zur Sichtung, Erfassung, Überwachung und ideologischen Einordnung der israelischen Künstlerschaft bewähren. Nach monatelanger pedantischer Arbeit und ersten, von der Soldateska mit eitlem Beifall quittierten Erfolgen, zu denen nebenbei auch eine unverhoffte Hauptrolle für seine älteste Tochter an einem der renommiertesten Theater des Landes gezählt werden muss, wird seine Abteilung vom ÜOK großzügig zu einer schlagkräftigen Truppe ausgebaut, und er selbst ernennt mit diabolischem Kalkül ausgerechnet den ehrgeizigen, gestapohaften Verhörspezialisten Inspektor Wilner zu seinem Stellvertreter.

Oberinspektor Levi unterdrückte den alten Impuls einzuschreiten, ehe sein Ermittler die Grenzen des Erlaubten überschritte. Bis vor Kurzem noch hatte solche Gewaltanwendung als grenzwertig oder sogar unzulässig gegolten, aber die noch frischen Notstandsbestimmungen erlaubten größere Flexibilität und Eigenermessen beim Einsatz physischer Druckmittel, insbesondere in Fällen, in denen die Zeit eine Rolle spielte. Levi war nicht wirklich besorgt. Sein junger Inspektor war einer, der sich im Griff hatte. Außerdem hatten sie im Vorfeld die Spielregeln abgesteckt. Die beiden Ohrfeigen, die er dem jungen Punksänger verpasst hatte, waren absolut im Rahmen des Vereinbarten.

Yali Sobol/Foto: Ornit Pnini

Als der ahnungslosen Chagit eines Tages von einem Kollegen der Nachrichtenredaktion unter geheimnisvollen Umständen ein USB-Stick in die Hand gedrückt wird, den jener sie mit verzweifeltem Nachdruck sicher für ihn zu verwahren bittet und die Polizei kurz darauf eine allumfassende Razzia im TV-Sender durchführt, gerät sie trotz äußerster Vorsicht und absoluter Verschwiegenheit unweigerlich ins Visier von Oberinspektor Levis fieberhaft ermittelnder Geheimbehörde, deren oberste Priorität die Vertuschung eines ungeheuerlichen Skandals zu sein scheint, der bis in die höchsten Kreise der Macht führt. Während sich die Lebenswege der einzelnen Protagonisten im Verlauf der Ermittlungen auf schicksalhafte Art und Weise unerbittlich kreuzen, wird beispielhaft deutlich, wie unausweichlich und nachhaltig die absolute, gänzlich unsanktionierte Macht Menschen zu korrumpieren vermag; gleichzeitig wird der Leser mittels zahlreicher unerwarteter Wendungen immer wieder erfolgreich getäuscht und schließlich in seiner Hoffnung auf ein versöhnliches Ende auch nachhaltig enttäuscht.

Er schleifte den Pianisten, der kaum noch bei Bewusstsein war, zu einem Tisch in der Ecke des Raumes, hob seinen schlaffen Arm und spreizte die Finger der rechten Hand auf der Tischplatte. Dann zog er aus seinem Gürtel einen kurzen Schlagstock aus massivem Holz. Mit der einen Hand drückte er Joavs Hand auf den Tisch und schwang die andere, die den Schlagstock hielt, hoch über den Kopf. „Jetzt“, brüllte er. „Überleg schnell, ob es noch etwas gibt, was du mir sagen willst. Ich zähle bis drei. Eins... zwei... “

Die Hände des Pianisten werden somit zum äußerst zerbrechlichen Symbol des kostbarsten immateriellen Gutes, das wir in einem Rechtsstaat besitzen und mit Nachdruck unter allen Umständen zu vertreten haben. Yali Sobols unkonventioneller, hellsichtiger Roman ist zwar für die jüdische Bevölkerung Israels nur eine düstere, wenn auch denkbar-naheliegende Zukunftsvision, für die unterprivilegierte arabische Minderheit (die interessanterweise im Buch nicht einmal erwähnt wird) sowie insbesondere für die Palästinenser in den besetzten Gebieten jedoch seit vielen Jahrzehnten traurige Realität. Gerade aufgrund seiner moderaten, den Leser eher mit empathischem Wiedererkennen und unmissverständlichen Andeutungen überzeugenden, als durch brutale Gewaltszenen überrumpelnden humanistischen Sichtweise ist „Die Hände des Pianisten“ ohne Zweifel einer der erstaunlichsten und überzeugendsten politischen Romane, die innerhalb der letzten Jahre aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt worden sind. Gleichzeitig ist dem Autor mit seinem spannend zu lesenden Buch eine universell lesbare, unmissverständliche Warnung vor dem Weg in totalitäre Verhältnissen gelungen.

„Die Hände desPianisten“, aus dem Hebäischen von Markus Lemke, erschienen bei Antje Kunstmann, 288 Seiten, € 19,95

Samstag, 1. März 2014

„Überraschung“ von Mies van Hout


Die regenbogenfarben-neonleuchtenden intensiven Farbwelten, die die niederländische Künstlerin und Illustratorin Mies van Hout (geboren 1962) in ihrer unnachahmlichen charakteristischen Bildsprache immer wieder aufs Neue wie aus dem sprichwörtlichen Nichts ihres bevorzugten Bildhintergrunds aus gewöhnlichem schwarzem Tonkarton im Bewusstsein des faszinierten Betrachters explodieren lässt, wirken wie in seltener künstlerischer Hellsichtigkeit manifestierte Verkörperungen archetypischer Seelenbilder, die für einen kurzen, greifbar-gegenwärtigen Moment intuitiven Verstehens aus dem Dunkel des kollektiven Unbewussten zu uns heraufgestiegen sind, um sich schon bald wieder – spätestens jedoch beim nächsten Umblättern – wieder an diesen verstandesmäßig nur schwer zugänglichen Ort zurückzuziehen. Mit nicht wenig Berechtigung ließe sich sogar behaupten, dass die Künstlerin auf diese Art und Weise sogar ein so komplexes Gefühl wie „Glück“ im Betrachter zu spiegeln vermag.



Dieser von der ausgebildeten Kunstpädagogin unter Umständen in diesem Maße weder intendierte noch vorausgesehene, jedoch ohne Zweifel weit über das Genre des Bilderbuchs hinausweisende erfreuliche Nebeneffekt macht ihre unscheinbaren Kunstwerke auch für den erwachsenen Leser so überaus kostbar – auf die zahlreichen naheliegenden Möglichkeiten, Mies van Houts Bilder etwa auch zu therapeutischen oder meditativ-selbstreflexiven Zwecken einzusetzen, ist bereits angesichts ihrer ersten in ihrem charakteristischen Stil gestalteten Buchveröffentlichung „Heute bin ich“ (2012) ausführlich hingewiesen worden: einem mit über 80.000 verkauften Exemplaren, mittlerweile in sechster Auflage lieferbarem veritablen Überraschungsbestseller, der im vergangenen Jahr vollkommen zu Recht für den renommierten Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie „Sachbuch“ nominiert war.

Ihr allerneuestes soeben in deutscher Übersetzung erschienenes Buch „Überraschung“ ist sogar in noch viel stärkerem Maße als visuelle Entdeckungsreise für erwachsene Leser angelegt als das ganz der reichen Vielfalt zum Teil unbewusst von der Gesellschaft reglementierter menschlicher Emotionen und Affekte gewidmete „Heute bin ich“ – denn im neuesten Werk der genuinen Künstlerin geht es um die möglicherweise „erwachsenste“ und respektabelste, gleichzeitig jedoch auch natürlichste, vielleicht beglückendste und lohnendste, jedoch dabei gleichermaßen schwer in Worte zu fassende wie zu gestaltende Themenstellung, die es auf der Welt gibt: das Abenteuer der Elternschaft im Allgemeinen sowie der Mutterschaft im Besonderen.


Mies van Hout


Während sich Mies van Hout für ihr wunderbares Buch über die menschlichen Emotionen ausgerechnet die in der breiteren Öffentlichkeit nicht gerade als extrovertierte Stimmungskanonen bekannte Spezies der Fische als unerwartete genialische Protagonisten ausgesucht hatte, ist es im nicht weniger faszinierenden zweiten Folgeband passenderweise die für ihr ausgeprägtes Brutverhalten zu Recht berühmte Wirbeltierklasse der Vögel, die dank der unnachahmlichen Kunst der Illustratorin in allen Regenbogenfarben und wie in universeller, nach außen gestülpter strahlender Innerlichkeit ihr Federkleid für uns herausputzen darf. Auf der ersten Doppelseite ist es zunächst noch das „Wünschen“, das dem zeichnerisch auf seine unspezifische Urform reduzierten Vögelchen als bunte Kinderschar im leuchtenden Gefieder hängt.




Im wunderbaren visuellen Reigen charakteristischer Wegmarken menschlicher Elternschaft darf der Leser in zauberhaft-intuitivem Wiedererkennen so wesentliche Stationen rekapitulieren wie die anfängliche ambivalente Erwartung zwischen Ungewissheit und Hoffnung, das freudig-entgrenzte Staunen über das Wunder der Entstehung neuen Lebens bis hin zum Prozess des von zahlreichen alltäglichen Einzelaspekten wie Zuhören, Trösten oder Ermuntern geprägten Aufziehens der Neugeborenen, das schließlich, ganz am Ende des Buches im unvermeidlich-unwiderruflichen elterlichen Loslassen münden muss, das die Illustratorin in einem bereits über mehrere Doppelseiten hinweg kunstvoll vorbereiteten vielflügeligen Aufbruch der Jungvögel vor blauem Hintergrund im Kontrast zum liebevoll-melancholischen Verharren der Mutter auf schwarzem Grund hoffnungsvoll ausklingen lässt. Die unaufdringliche Sensibilität und unmittelbar zu Herzen gehende poetische Wahrhaftigkeit der unnachahmlichen Pastellzeichnungen Mies van Houts werden ihr bezauberndes kleines Buch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zu einem absoluten Dauerbrenner als ideales Geschenk für junge oder werdende Mütter machen.

„Überraschung!“, erschienen bei Aracari, 32 Seiten, € 13,90