Jerusalem

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Mittwoch, 22. Mai 2019

Verrat am Zuschauer?


Die derzeitige Diskussion um den vorgeblichen Verrat der Drehbuchautoren der Fernsehserie „Game of Thrones“ an ihren weiblichen Charakteren offenbart eine Art der Kunstrezeption, die ich nicht begreife. Was ist passiert? Frauengestalten, die sich im nicht weniger als acht Jahre währenden Verlauf der Serie zu starken, unabhängigen Persönlichkeiten entwickelt hatten, verhalten sich plötzlich wieder wie schwache, gehorsame, unentschlossene Vertreterinnen eines antiquierten Frauenbildes, das in unserer Welt als weitgehend überwunden gilt. Das kann man trotz des martialischen pseudo-mittelalterlichen Schauplatzes als ärgerlich empfinden, genauso wie man sich möglicherweise zuvor über ihre Emanzipation gefreut hat. 

Foto: Mark McCormick Photography/Wikimedia

Diese unangemessen starken positiven und negativen Reaktionen verraten letztendlich nur, dass wir es hier mit einer Projektion zu tun haben, dem bewegten Wunschbild, wie eine Frau sein sollte oder wie eben nicht. Das grundlegende Problem hierbei: man folgt mehr oder weniger gespannt einer Geschichte, weiß aber gleichzeitig, dass sie erdacht und geschrieben wurde, um ein möglichst großes Publikum zu unterhalten. 

Dass wir die Heldin einer spannenden Serie mit unseren eigenen Idealen und Wünschen vergleichen, spricht für die lebensnahe Qualität der Charakterzeichnung. Wir empfinden sie als echt. Dass wir aber dahinter den Autor und seine Intention erkennen wollen, hat natürlich mit dem fehlgeleiteten Literaturunterricht an unseren Schulen zu tun: Was will uns der Dichter damit sagen? Als ob ein Schriftsteller sich hinsetzte und dächte: so, jetzt will ich den Menschen etwas ganz Bestimmtes sagen, da schreibe ich am besten einen Roman oder eine Fernsehserie. 

Das ist ein Irrtum: wenn ich einem anderen Menschen etwas sagen will, schreibe ich am besten einen Essay oder ein Pamphlet oder einen Brief. Oder ich bitte ihn um eine persönliche Unterredung. Denn dann habe ich die größtmögliche Chance, von meinem Gegenüber gehört und verstanden zu werden. Wenn ein Schriftsteller die künstlerische Form wählt, heißt das in der Regel, dass er selbst noch nicht ganz verstanden hat, was das für eine Geschichte wird, die er da aus sich herauszieht. Es ist das Gefühl etwas sagen zu müssen, ohne zu wissen wie man das anders bewerkstelligen könnte als über die Form des Romans. Ich wage zu behaupten, es ist sogar besser, wenn der Dichter während des Schaffensprozesses nicht weiß, was er sagen will. Denn nur so können seine Protagonisten autonom bleiben, unbeeinflusst von seinem eigenen Wollen. 

George R.R. Martin/Foto: Wikimedia

Diese intuitive Art des Schreibens entspricht im Wesentlichen dem schriftstellerischen „Gärtnertum“, von dem George R.R. Martin, der Schöpfer der Buchvorlage zu „Game of Thrones“, spricht. Er wisse während des Schreibens noch nicht, wohin sich die Charaktere und Handlungsstränge entwickeln werden, so der Autor. Das allerdings wissen die Drehbuchautoren von „Game of Thrones“ ganz genau, die „Architekten“, die das Ende schon vor der eigentlichen Geschichte kennen.
Wenn man so arbeitet wie sie, dann können die Protagonisten letztendlich – und sogar von vornherein – nichts anderes sein als bloße Hüllen für Inhalte, mit denen ich als Autor Zuschauerwünsche befriedigen und Cliffhanger setzen kann. So ist es offenbar nun, am Ende von „Game of Thrones“ geschehen: die Charaktere der monumentalen Serie sind wie Luftballons mit Zuschauererwartungen gefüllt und zu guter Letzt wieder entleert worden, geplatzt möglicherweise sogar. 

Es scheint also offensichtlich: bei dem vorgeblichen Verrat an den weiblichen Charakteren handelt es sich in Wirklichkeit um einen Verrat an den Zuschauern. Der mit Abstand bescheidenste Anspruch, den Kunst haben kann, ist eine Geschichte zu erzählen. Wenn die Geschichte wahr ist, also nicht überladen mit dem Willen des Autors oder den Wünschen des Publikums, dann kann sie nur autonom beurteilt werden, ihre Charaktere nur als eigenständige Personen. Das Größte, was Kunst erreichen kann, ist, dass wir uns selbst, unsere belebte und unbelebte Umwelt sowie unsere Handlungen besser begreifen. Dann vergessen wir auch den Autor dahinter.